Samstag, 10. Dezember 2011

Ländliches Brauchtum im Mostviertel einst und jetzt (Teil 2)

Nr. 96 - 1. April 1980 - 9. Jahrgang

 BRAUCHTUM - EINST UND JETZT (TEIL 2) - hier geht's zu Teil 1

(verfasst von Oberstudienrat Dr. Rosine Schadauer)

Zu Allerheiligen und Allerseelen wurden zopfartig geflochtene Heiligenstrietzel gebacken, mit denen man zunächst Hausangehörige beschenkte. Die Patenkinder erhielten außer dem Heiligenstrietzel noch Obst, Nüsse und Gold. Auch arme Leute wurden mit Heiligenstrietzeln oder kleineren Laibchen Weißbrot beschenkt, wofür sie Gebete für verstorbene Familienangehörige verrichteten. So wird der Heiligenstrietzel zum "Armenleuteopfer" zum "Seelzopf". In Haag, Strengberg und bis an die Enns gingen größere Burschen "heiligen", zuweilen sogar vermummt und maskiert. Sie weckten die Bäuerin, die sie mit Strietzel, Obst, Kost und Nüssen bewirten und sich sogar zu einigen Tänzen bereit finden musste. Unter Grimassen, Ächzen und Stöhnen zog die lustige Schar der Heiligenstrietzel-Sammler wieder ab. Der Gräberschmuck zu Allerseelen beschränkte sich früher mehr auf bürgerliche Kreise, während heute der bescheidenste Dorffriedhof am Gedenktag der Toten reich geschmückt ist und die Gräber auch zu anderen Zeiten betreut werden.

Wie kaum in einem anderen Festkreis entfaltet sich in der Advents- und Weihnachtszeit das Brauchtum in reichster Fülle: Am Barbaratag wässerte man die Kirschenzweige ein, die in der heiligen Nacht erblühen sollten. Im Nikolausbesuch lebte ein christlich umgedeuteter Wotansmythos der germanischen Vorzeit wieder auf. Im oberen Ybbstal (Hollenstein) zog der "Nicoloherr" mit der weißbekleideten mehlbestaubten "Nicolofrau", dem Krampus und der Habergeiß herum. Anderswo erschien der Nikolaus nicht selbst, legte aber seine Geschenke in die vor dem Fenster bereitgestellten Hüte, Schuhe und Schüsseln. Heute werden die Nikolobesuche häufig organisiert oder in den Rahmen einer Veranstaltung gestellt (Nikolo-Kränzchen ...)

Die Rauhnächte, das Weihnachtsfest und Neujahr, zeitlich vor und an der Jahreswende gelegen, fallen durch ein Brauchtum auf, das auf die Enthüllung künftiger Geschicke gerichtet ist. Da sucht man Antwort auf die Frage nach dem Ehepartner, nach Krankheit, Tod und wirtschaftlichen Aussichten. Durch das "Losen" (Wahrsagen) und "Losengehen" (horchen gehen) suchte man zu erkunden, was das kommende Jahr bringen würde. Diesem Zweck dienten das Bettstaffeltreten am Thomasabend, das Bleigießen, das Beobachten der Tiere. Weihnachten wurde nicht nur als kirchliches Fest, sondern auch als Familienfest aufgefasst. Eine Weihnachtskrippe gab es in vielen Familien, einen Christbaum in den meisten Bürgerfamilien und in manchen Bauernstuben. "Von Jahr zu Jahr breitet er seine lichtschimmernden Zweige weiter aus", jubelt P. Robert Weißenhofer. Uralt und noch heute geübt ist der Brauch des Ausräucherns am Christ-, Silvester- und Dreikönigsvorabend. War die kleine Prozession mit dem Hausvater an der Spitze in die Stube zurückgekehrt, bildeten alle einen Kreis um den Weihrauchkran'l (-gefäß) und bereiteten sich für das Rosenkranzgebet, das sie kniend verrichteten, vor. Die Heilige Nacht wurde mit Gebet, religiösen Gesängen und harmlosen Spielen zugebracht. Dem Volksglauben erschien diese Nacht voll Wunder. (Da redeten die Tiere, da gaben alle Brunnen Wein); aber auch voll beängstigender Vorzeichen von Gefahren und drohendem Tod. Löscht jemand unversehens die Weihnachtskerze, so stirbt er im kommenden Jahr etc. Der Mettengang mit der Laterne beschloss die Heilige Nacht. Das Kletzenbrot durfte am Weihnachtstisch nicht fehlen. Wer neunerlei gesammelt hat, hatte Aussicht auf Heirat im kommenden Jahr. Wie erleben wir heute Advent und Weihnacht? Viel altes Brauchtum ging verloren, wesentliches blieb erhalten. Adventkranz, Krippe und Christbaum, schlichte alte Lieder machen trotz verwirrenden Äußerlichkeiten den Blick immer wieder frei für den Sinn des Festes.

Der flüchtige Blick: den wir auf die Fülle jenes Brauchtums im Jahreslauf geworfen haben, das bis weit in unser Jahrhundert hinein lebendig geblieben ist, machte uns bewusst, dass heute nur mehr kümmerliche Reste davon erhalten sind. Die Gründe dafür sind unschwer zu erkennen: Die Handarbeit wich der Maschinenarbeit. Sie lässt weder Platz noch Zeit für die Pflege des Brauchtums. Das Freizeitangebot schließt wohl auch seine zeitgemäße Erneuerung ein, sein Geltungsbereich wird aber vor allem in der Stadt immer mehr eingeengt. Am besten hat es sich erhalten bei der Gestaltung der Feste. In der Voralpenlandschaft unseres Bezirkes ist es besser gewahrt als im Flachland. Zweifellos hat die Nostalgiewelle belebend auf das Brauchtum gewirkt. Wo es primitivem Aberglauben verhaftet war, bedauern wir sein Verschwinden nicht. Manche alte Handwerke wie Töpferei, Drechslerei, Zinn- und Kupferschmiede und Holzschnitzerei wurden wieder entdeckt oder neu belebt und verstärkt ins Bewusstsein der Menschen gerückt. Auch Laien versuchen sich mit Erfolg im Kunsthandwerk. Unser Wohnraum spiegelt diese Entwicklung wider. In diesen Rahmen fügen sich wiederbelebte alte Bräuche, wie Adventkranz und Herbergsuchen, Emausgang und Brautbaum zwanglos ein.

Einer alpenländischen Tradition folgend, wird der Blumenschmuck an unseren Häusern und in unseren Gärten immer schöner und geschmackvoller gestaltet. So kommt es zur Begründung und Befestigung eines neuen Brauchtums. Trachtenkleidung fand Eingang bei unseren Musikkapellen. Die Pflege der Hausmusik, das Spiel auf alten Instrumenten spricht immer weitere Kreise an. Die Brauchtumspflege aber möge sich zum Ziele setzen, gutes Überliefertes zu bewahren, es dem sich wandelnden Geschmack anzupassen und mitzuwirken, dass gern verrichtete, gemeinschaftsbildende Betätigungen einmal zum Brauchtum sich verfestigen können.


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