Montag, 10. Oktober 2011

Brauchtum um Sterben und Tod im Mostviertel einst und jetzt

Nr. 115 - 1 . November 1981 - 10. Jahrgang

BRAUCHTUM UM STERBEN UND TOD - einst und jetzt (von Oberstudienrat Dr. Rosine Schadauer)

Bräuche, die sich an den Ausgang des Lebens schlossen, dem dunkelsten allen Geheimnisse, finden wir in verschiedener Ausprägung zu aller Zeiten und bei jedem Volk. Immer sind sie religiös motiviert, wenn auch vom Aberglauben stark durchsetzt.

Wie stand man früher zu Alter, Krankheit und Tod? Nicht nur die Eltern, sondern auch nahe Verwandte und langjährige Bedienstete lebten und starben, im Gegensatz zu heute, meist dort, wo sie die besten Kräfte ihres Lebens in Liebe, Sorge und mit Arbeit verbraucht hatten. Krankheit und Tod wurden als Teil des Lebens verstanden und aus einer gläubigen Gesinnung heraus mit Fassung hingenommen. Man traf rechtzeitig Verfügungen über den meist bescheidenen Besitz und setzte im Testament einen bestimmten Betrag für Seelenmessen ein. Der Priester wurde vorsorglich zum Spenden der "Sterbesakramente" gerufen. Er trug einen weißen Chorrock, der Mesner oder ein Ministrant schritt ihm voran und läutete, sooft Menschen in Sicht waren. Diese knieten dann am Wegrand nieder, empfingen den Segen mit dem Allerheiligsten und bekreuzigten sich. Während der Priester dem Kranken die Beichte abnahm, die Wegzehrung reichte und schließlich die "Letzte" Ölung spendete, beteten Hausleute, Nachbarn und engere Verwandte in der Stube einen Rosenkranz. In jedem Haus bewahrte man für das "Versehen" ein eigenes Tischchen, eine mit religiösen Zeichen und Sprüchen bestickte "Versehdecke", einen Betschemel, ein Standkreuz, 2 Kerzenleuchter und geweihte Kerzen sorgfältig auf. Traf der Priester den Kranken nicht mehr lebend an, ging er "weiß" (im weißen Chorrock) in die Kirche zurück. Die Angehörigen waren in diesem Fall tief bekümmert.
Der Sterbende nahm, wenn er es vermochte, Abschied von den Seinen, sagte Dank und gab letzte gute Mahnungen, besonders für die Kinder. Eine Hand des Sterbenden, die eine brennende Kerze umschloss, hielt ein naher Angehöriger und sagte ihm zuweilen ein helfendes, tröstendes Wort. Mit Gebet geleiteten die im Sterbezimmer Anwesenden die Seele hinüber. Dem Toten wurden die Augen zugedrückt und dann mit nassen Läppchen oder Kupfermünzen beschwert. Diese Münzen wurden nachher verschenkt. Das Kinn wurde aufgebunden oder mit einem zusammengerollten Tüchlein gestützt. Im Sterbezimmer öffnete man ein Fenster, damit die Seele 'ausfahren' könne.

Die Uhren im Zimmer wurden zum Stehen gebracht. Die stehenden Zeiger sollten ein Bild des abgelaufenen Lebens sein. Man verhängte auch den Spiegel, weil man glaubte, er würde sonst erblinden. Der Tote blieb drei Stunden im Bette liegen, wurde dann gewaschen und schwarz bekleidet, nicht selten mit dem Anzug, den er zur Hochzeit getragen hatte. Nachbarn besorgten diesen letzten Liebesdienst und bekamen dafür das Bettuch des Verstorbenen und einige seiner Kleidungsstücke. Das Bettstroh wurde auf dem nächsten offenen Feld oder auch auf offenem Weg verbrannt. Dabei knieten die Hausleute und Nachbarn um das Feuer herum und beteten für den Toten.

Im Gebirge glaubte man, dass der Rauch die Seele zum Himmel trage. Die Leiche wurde auf den "Laden" gelegt, der auf zwei Holzschragen ruhte, oder auf eine Bank ohne Lehne. Zu Haupten des Toten brachte man ein Kreuz an und stellte ein Öllicht auf. Ähren oder Buchsbüschel in einem Gefäß mit Weihwasser dienten zum Besprengen des Leichnams. Die gefalteten Hände waren mit einer Bet'n (Rosenkranz) umwunden. Die Brust wurde mit Heiligenbildchen bedeckt, die man spendete, wenn man den Toten "anschauen" ging und ihm ein "Weihwasser gab". Die Leichen von Mädchen waren gewöhnlich weiß bekleidet. Der Sterbetag war ja der Jungfrauen "Ehrentag" (Hochzeitstag). - An dieser Stelle darf darauf hingewiesen werden, dass bis in die ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts hinein der Volkskrankheit Tuberkulose viele Jugendliche erlagen. 

An den Abenden zwischen Tod und Begräbnis kamen Nachbarn und nahe Verwandte im Trauerhaus zum 'Nachtwachen' zusammen. Am Beginn und am Ende betete man still beim Toten und gab ihm einen "Weihbrunn". Dazwischen betete man drei Rosenkränze, darunter einen für die "Armen Seelen", und sang "Totenlieder", deren Texte uns heute schaudern lassen. Einige Liedanfänge mögen dies zeigen:
Über Moder, über Leichen führt des Todes grauser Pfad. Unter seinen kalten Streichen fällt die junge Menschensaat. So hat er auch hier getroffen, in des Lebens Blütezeit, eines Vaters schönstes Hoffen, einer Mutter sel'ge Freud . . . . Jetzt, da ich ausgerungen habe des Lebens herbe Pein, so grabet mich im kühlen Grabe recht still und friedlich ein . . . Seht hier meine Ruhestätten, liebe Freunde, Nachbarn mein, ach sie ist ein schmales Bette, eine Wohnung eng und klein. Allen Menschen hier auf Erden wird zuteil sie einstens werden - heute mir, morgen dir.

War der erste, längere Teil der Nachtwache zu Ende, so wurden die Gäste mit Most, Hausbrot und Dörrobst bewirtet. Das Wachen dauert noch heute in einzelnen Ortschaften des Ybbstales über Mitternachthinaus.

Am Morgen des Begräbnistages versammelten sich im Trauerhaus die durch Leichenbitter geladenen "Freunde" (Verwandte), Nachbarn und Göd'nkinder des Toten. Sie wurden mit einem Frühstück bewirtet und gaben dem Verstorbenen einen Weihbrunn. Nach dem Abbeten von 5 Vaterunser oder einem Rosenkranz wurde der Sarg in das Vorhaus getragen. Dann folgte die Zeremonie des "Abbittens" oder "Urlaubnehmens". Der Sprecher war der Vorbeter oder Sargtischler. Ist auch der Text von Ort zu Ort verschieden, gemeinsam ist allen das Bedürfnis, den Lieben noch einen letzten Gruß und ein Wort des Abschieds zu sagen. Die naive Sprache trifft das Gemüt. Und so begann die Ansprache: "Gelobt sei Jesus Christus! Hiazt pfiat eng, alle Gott bei'nander; muaß eng heunt verlass'n. Bin oft ind' Kirch'n nach .... ganga und wieder hoam kemma, oba heunt kimm i neamer z'ruck. So pfiat di Gott, mein liebs Weib . . . ." Es folgte ein Abschiedsgruß und eine Mahnung an die Kinder, ein Pfiatgott an Nachbarn, Göd'n und Freund' und schließlich die Bitte um ein Gedenken und Gebet. Dann ging die Gattin hin, besprengte den Toten mit Weihwasser, machte das Kreuz über ihn und sagte: "So pfiat di Gott, mei lieba Mann, bis ma wieder z' samm kemman." Einzeln sagten die Kinder: "Pfiat'n Vatern ... Dank in Vatern für alles Guate!" Auch Nachbarn und Freunde verabschiedeten sich. Mancher setzte mit brechender Stimme hinzu: "Han di gern g'hat, Nachbar.' Dreimal senkten die Träger den Sarg aber die Türschwelle in Kreuzform und beteten dabei: "Gelobt sei Jesus Christus!" Alle antworteten: "In Ewigkeit Amen.' Mit dem Gesicht nach vorn wurde der Tote aus dem Haus getragen, denn schaute er zurück, starb bald jemand aus dem Hause nach. Der Sarg wurde auf einem gewöhnlichen Wagen zur Kirche gefahren. Der Kutscher, ein Nachbar, durfte sich nicht umschauen, sonst würde er dem Toten einen Kameraden suchen. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts schafften größere Gemeinden Leichenwagen an, die sie auch an kleinere verliehen. Aber immer noch und bis tief in unser Jahrhundert hinein wurden "kleine" Leute auf dem Ladewagen zum Grabe gefahren. Den Sarg eines Kindes trug ein Bursche oder ein Schulknabe auf den Armen, wobei ihm ein Tragband die Last erleichterte. Statt des Totenamtes las der Pfarrer dann ein Engelamt. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit war durch mangelhafte Hygiene, durch den nicht selten tödlichen Ausgang von Kinderkrankheiten hoch. Junge Frauen erlagen immer wieder dem Kindbettfieber.

Die Begräbnisse waren noch in den zwanziger und beginnenden dreißiger Jahren nach den Kosten in aufwendige und schlichte geteilt. Bei einem Begräbnis zweiter Klasse blieb der Sarg während der Totenmesse vor dem Eingang zur Kirche stehen, auf dem Weg zum Friedhof gab nur ein Priester das Geleit, und es gab nur das "kleine G'läut". Ein trauriges Relikt aus einer Zeit, wo nicht einmal der Tod Gleichheit unter den Menschen schuf. Typisch für das Landvolk war, dass es bei Begräbnissen alles Gepränge vermied und dafür der Seele des Toten möglichst viel an Gebet zugute kommen ließ. Es gab damals keinen Luxus an Kränzen und Schmuck des Grabhügels. Ein einfaches Holzkreuz wurde aufgerichtet. Nach dem Begräbnis folgte die "Totenzehrung", eine reichliche Mahlzeit mit Suppe, Rindfleisch und Semmelkren und Kaffee mit einer Kaisersemmel. Von Städtern oft belächelt, ja verspottet, hat dieses Mahl seine Berechtigung in dem Umstand, dass die Trauergäste oft noch einen weiten Heimweg vor sich hatten, für den sie sich stärken mussten.

Im Schmerz um ihre Toten zeigten die betroffenen Angehörigen eine Fassung, ja eine heroische Haltung; so wenn ein Vater oder eine Mutter mit einer Schar oft unversorgter Kinder am Grab der Gattin oder des Gatten stand. "Der Stützpunkt ihrer Seelengröße, ihrer Hoheit im Leiden ist in wahrem Gottvertrauen zu sehen." Auch galt ein auffälliges Benehmen in Äußerungen des Schmerzes als unschicklich und wurde, wenn auch augenblicklich nicht getadelt, so doch nachher "beredet".

Zahlreich waren die Meinungen, die sich an den Tod, an die armen Seelen, an das Erscheinen von Toten knüpften. Man glaubte an eine Anmeldung im Augenblick des Todes: Türen gingen auf und niemand trete ein. Man höre Klopfgeräusche, Gegenstände fielen von der Wand. Schritte seien in einem leeren Zimmer zu vernehmen. Verstorbenen müsse man nicht allzu heftig und allzu lang "nachweinen", das störe ihre Ruhe. Hat der Tote fremdes Gut nicht zurückgestellt, so finde er nach dem Tod keine Ruhe er müsse "umgehen": In der Nacht erscheine er dann einem Verwandten oder guten Freund und sage, was ihm fehle, bezeichne auch den Ort, wo das unrechte Gut zu finden sei. Betet man für ihn und tut man das Geheißene so erscheine der Tote zuweilen wiederholt, aber immer "weißer", und zuletzt flattere die Seele auch wohl als weiße Taube zum Himmel auf, nachdem sie sich für die Erlösung bedankt habe.

Die Nacht gehöre den Geistern. Sie gingen besonders vom Ave Maria - Läuten des Abends bis zum nämlichen Glockenzeichen des Morgens um. Wenn ein Messer mit der Schneide aufwärts liege, so müsse eine arme Seele darauf reiten. Eine solche leide auch, wenn man Türen und Gatter stark zuschlage. Solange um die Hinterlassenschaft eines Verstorbenen gestritten werde, könne dieser keine Ruhe finden. Wenn das Feuer im Herde singt, liege eine arme Seele in der Pein. Man streue etwas Salz in die Flamme oder werfe Brotkrümchen hinein. Mit Weihwasser könne man die Qualen der armen Seelen lindern. Auch jetzt noch nehmen vorwiegend ältere Menschen in der Kirche reichlich Weihwasser und besprengen den Boden damit. Liebevolle Gesinnung bekundete damals wie heute die enge Beziehung der Menschen zu ihren Toten. Nur war es früher üblich, jedes Reden von ihnen einzuleiten mit den Fügungen: "Mein Vater, tröst ihn Gott, ...", "Mein Großvater selig" oder "Meine Mutter, Gott hab' sie selig . . ." oder "Meine Großmutter, Gott lass sie selig ruh'n!" Träumte man von einem Toten, so betete man für ihn. Zahlreiche Gebete und Gebetbücher gaben den Gläubigen viele Hinweise, wie sie ihren Verstorbenen helfen konnten. Man trachtete, Ablässe zu gewinnen, und brachte Opfer, die ihnen zugute kommen sollten. Manche frommen Stiftungen (Kreuze, Marterln, Kapellen, Kirchen, Klöster) verdanken dem Armen-Seelen-Kult ihre Entstehung. Manches Sozialwerk ist auf diesem Weg entstanden.



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