Mittwoch, 15. August 2012

Mostviertler Presshäuser - Verborgene Kostbarkeiten naiver Architektur

Nr. 275 - 15. Oktober 1993 - 21. Jahrgang

Mostviertler Presshäuser - Verborgene Kostbarkeiten naiver Architektur
(Prof. Mag. Dr. Heimo Cerny)

Im breiten Spektrum der sogenannten naiven Architektur in Niederösterreich wurde den Presshäusern und Kellerstöckln (auch "Reibnstöckl" genannt) bisher kaum Beachtung geschenkt. Selbst in Johann Kräftners Standardwerk "Naive Architektur" (Verlag NÖ Pressehaus, St. Pölten 1987) findet das Mostviertler Kellerhaus nur marginale Erwähnung und ist lediglich mit einem einzigen Bildbeispiel vertreten.

Im Gegensatz dazu wurden die Kellerhäuser und -gassen des Weinviertels und der Wachau längst als Kostbarkeiten ländlicher Bauweise erkannt und eingeschätzt. Das mag vielleicht daran liegen, dass Niederösterreich in erster Linie ein Weinland ist und da-her die Weinbaugebiete als weitaus attraktiver gelten als die Mostregionen. Holt sich doch jeder Weinkenner sein gutes Tröpfchen bei "seinem" Weinhauer in der Kellergasse, wo es bekanntlich auch am besten schmeckt! Wer aber fährt heute noch zu seinem Mostbauern? Die Presshäuser und Kellerstöckl des Mostviertels sind - mit ganz wenigen Ausnahmen - funktionslos geworden, während sie im Weinviertel noch immer ihren Zweck erfüllen.

Die Mostviertler Presshäuser sind imposante Baukörper - mitunter wahre "Mosttempel" - meist zweigeschossig, und in ihren Proportionen den mächtigen Vierkantern harmonisch angepasst. In der Haager Gegend vornehmlich in Sichtziegelbauweise, rund um Amstetten meist gekalkt oder gefärbelt, mit originellen Fassaden und Fensterformen sowie geschnitzten Toren. Erbaut wurden die meisten im Verlauf des vorigen Jahrhunderts, im "Jahrhundert des Mostes", als jeder Vierkanter noch von 500 bis 1000 Obstbäumen umgeben war und jährlich hunderte Eimer (1 Eimer = 56 Liter) Most gekeltert wurden. Es sind reine Zweckbauten, die notwendig wurden, wenn das Haus selbst zu wenig Platz für die aufwendige Mostproduktion bot und der hauseigene Keller sich als zu klein oder zu wenig tief erwies.

Seit der Bauernbefreiung 1848 war die Mosterzeugung für viele Landwirte dieser Region zum Haupterwerbszweig geworden, gewinnbringender als Viehzucht und Getreidebau. Der volle Mostkeller war die beste Sparbüchse, der Mostverkauf an die Gastwirte der näheren, aber auch weiteren Umgebung - sogar Wien und Salzburg wurden beliefert - wurde zur Quelle des Wohlstands. Die meisten Vierkanthöfe erhielten damals durch Aufstockung oder gänzlichen Neubau ihr heutiges Aussehen. Die Erinnerung an diese "Mostviertler Gründerzeit" ist in der bisweilen noch zu hörenden Redensart "Diese Häuser hat der Most gebaut!" lebendig geblieben.

Im geräumigen Presshaus befanden sich ebenerdig die zur Mostbereitung notwendigen, ausladenden Gerätschaften: Die mächtige, aus Granit gehauene "Birnreibn" (daher der Name "Reibnstöckl" für das Presshaus), deren schwerer Walzenstein im kreisförmigen "Rollnursch" das Obst mit Pferdekraft zerquetschte. Mit Eimern und Schaffeln wurde die Maische sodann in die Presskarre befördert. Prunkstück der Presskammer war die meist kunstvoll verzierte Druckbaumpresse, von welcher der frische Saft mit einem Schlauch direkt in die Fässer des darunterliegenden Kellergewölbes geleitet wurde. Das Obergeschoß fand als zusätzlicher Getreidespeicher ("Troadkasten'') Verwendung.

Wiederum im Gegensatz zu den Weinviertler Presshäusern, die in den Kellergassen zu ganzen Ensembles zusammengewachsen sind und eigene Kellerviertel bilden, sind die Mostviertler "Reibnstöckl" nur vereinzelt und keineswegs bei jedem Vierkanthof anzutreffen. Meist liegen sie abseits der Höfe im Schatten jahrhundertealter Birnbäume, von Hollerstauden oder wildem Wein überwuchert, von modernen Lager- und Maschinenhallen verdrängt. Dem primären Gesichtsfeld oftmals entrückt, sind sie mit dem richtigen "G'spür" dennoch nicht allzu schwer zu finden entlang der Moststraßen im Bezirk Amstetten.

Seitdem der Mostkonsum in den letzten Jahrzehnten mit steigendem Wohlstand rapide zurückgegangen, ja fast gänzlich erloschen ist, sind auch die meisten Presshäuser funktionslos und überflüssig geworden, denn zur Herstellung eines Fässchens Haustrunk für die kleingewordene bäuerliche Familie sind heute keine Presshäuser mehr vonnöten. Zum Teil wurden sie ohnehin schon abgetragen, teils hat man sie zu Garagen oder Lagerräumen umgebaut, teils dämmern sie in pittoresker Verwahrlosung ihrem weiteren Verfall entgegen. Freilich bestätigt auch hier die Ausnahme die Regel, und man ist überrascht, hin und wieder ein stilgerecht renoviertes Kellerstöckl zu Gesicht zu kriegen. Im Idealfall ist es zu einem urigen Mostheurigen adaptiert worden.


Eine Bestandsaufnahme aller noch existierenden Presshäuser des Mostviertels wäre ein Gebot der Stunde, um zu retten, was noch zu retten ist. In der reichen Kulturlandschaft des Mostviertels sollte das Bewusstsein geweckt und gestärkt werden, dass diese alten Kellerhäuser als höchst reizvoller Kontrapunkt zu den prachtvollen Vierkanthöfen unbedingt erhaltenswürdig sind!

Eine repräsentative Auswahl für die Vielzahl erhaltenswerter Press- und Kellerhäuser im Bezirk Amstetten:

Abbildung 1 - Eisenreichdornach

Abbildung 2 - Preinsbach

Abbildung 3 - Flachsberg (Strengberg)

Abbildung 4 - Bei Haag



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