Donnerstag, 12. Juni 2014

Der Huf- und Wagenschmied - Arbeit und Leben der ländlichen Handwerker des Mostviertels in früheren Zeiten

Nr. 184 - 1. August 1987 - 16. Jahrgang

Arbeit und Leben der ländlichen Handwerker des Mostviertels in früheren Zeiten
(von Anton Distelberger, Mostviertler-Bauernmuseum)

3. Der Huf- und Wagenschmied

Über Jahrhunderte hinweg waren die Schmiede die einzigen eisenbearbeitenden Handwerker in den ländlichen Gebieten. Im Ybbs- und Erlauftal gab es die großen Hammerschmieden, die u.a.bereits in einer gewissen Serienproduktion eiserne Werkzeuge und Geräte für die Landwirtschaft herstellten (z.H. Hacken, Hauen, Sensen, Sicheln, Krampen, Sappeln), und eine Vorstufe zur industriellen Fertigung darstellten.

Über das ganze Mostviertel verbreitet waren aber die Werkstätten der Huf- und Wagenschmiede, die in einfacher und handwerklicher Manier alle anderen Eisenteile herstellten, die die Bauern brauchten. In jedem Ort gab es früher einen Schmiedemeister. Je stärker aber Landmaschinen und Traktoren Verbreitung fanden, die Pferde als Zugtiere einerseits und die handwerkliche Einzelanfertigung von Wägen und Geräten andererseits an Bedeutung verloren, desto weniger gefragt war naturgemäß der Schmied. Viele Schmiedewerkstätten von damals existieren heute überhaupt nicht mehr.

Mancher Schmied hat sich im Lauf der letzten Generationen auf den Landmaschinenhandel umgestellt und seine Werkstatt für die Landmaschinenreparatur um- und ausgebaut; andere sind jetzt Kunstschmiede
und erzeugen Gartenzäune, Geländer u.ä. Auch in den bestehenden Schmiedewerkstätten hat sich einiges
geändert; nicht mehr Feuer und Hammer allein sind die wichtigsten Hilfsmittel, sondern vor allem das Elektroschweißgerät und der Winkelschleifer mit der Trennscheibe.

Auf dem Schild, das ein Schmied auf der Front seines Hauses hängen hatte, stand sein Name und "Huf- und Wagenschmied", weil seine wichtigsten Tätigkeiten das Beschlagen der Pferdehufe und das Bestücken der hölzernen Wägen mit den nötigen Eisenteilen waren.

Auf jedem Bauernhof gab es zwei oder mehrere Pferde zum Verrichten der Arbeit. Sie mussten naturgemäß auch viel auf Straßen und Wegen gehen. Um die Hufe vor übermäßiger Abnützung zu schützen, wurden
sie mit Eisen beschlagen. Aber auch die Hufeisen wurden abgenützt, immer wieder wurde ein Eisen locker oder ging verloren. Außerdem Muss ein Huf, der ja ständig wächst, hin und wieder geschnitten werden. So musste jeder Bauer des öfteren den Schmied aufsuchen.

Da es ziemlich viel Arbeit ist, zwei Pferde neu zu beschlagen - der Schmied brauchte einen halben Tag -, war es notwendig, sich rechtzeitig dafür anzumelden. Zum abgemachten Termin spannte der Bauer oder der Rossknecht frühmorgens oder zu Mittag die Pferde vor den Wagen und fuhr also zum Schmied. (Nicht zu vergessen war dabei für diesen eine Flasche Most und eine Jause).

Dort wurden dann die Pferde ausgespannt und in der Werkstatt angehängt. Zuerst riss der Schmied die alten Hufeisen herunter und schnitt den Huf zurecht. Dann schmiedete er neue Eisen, sodass sie möglichst genau die Form des Hufes hatten, brannte sie glühend auf den Huf auf, nagelte sie fest, vernietete die Nägel und raspelte den Huf ab. Bei all diesen Arbeiten am Huf musste der Rossknecht den jeweiligen Pferdefuß abgewinkelt in die Höhe halten ("aufhalten"), damit der Schmied arbeiten konnte. Das erforderte oft ziemlich viel Kraft und konnte bei nervösen Pferden auch recht gefährlich sein.

Da die Pferdefuhrwerke bei Schnee-und Eisfahrbahn erhöhter Unfallgefahr ausgesetzt waren, wurden im Winter eigene Hufeisen verwendet. Die Sommereisen hatten an der Unterseite geschmiedete stumpfe Stollen. Bei den Wintereisen konnte man aber die stumpfen Stollen auswechseln, und, wenn es eisig war, spitze oder die "H-Stollen" hineinschrauben, die so lange griffig blieben, bis sie ganz abgetreten waren.

Der Hufschmied wurde erst zu seinem Beruf zugelassen, wenn er eine gewisse tierärztliche Ausbildung erfahren hatte. Die erhielten unsere jungen Hufschmiede in Wien. Die zweite Hauptarbeit der Schmiede war das Beschlagen der Wägen sowie der Schlitten, Schubkarren, Eggen etc. Wenn der Wagner beispielsweise einen Wagen aus Holz fertiggestellt hatte, musste er noch die Stellen, die starkem Verschleiß (z.B. der Räder) oder besonderer Belastung ausgesetzt waren, mit Eisen verstärken, und manche Verbindungen wurden überhaupt aus Eisen hergestellt. Der Schmied richtete die Eisenteile nach der Form des Holzes, wo sie aufgesetzt wurden, zu, brannte sie glühend auf das Holz auf, nagelte sie fest und befestigte sie schließlich noch mit Eisenbändern. Diese wurden ebenfalls in glühendem Zustand festgezogen, wozu er Zangen in verschiedenen Größen benutzte. Auch bei den Schmieden gab es so manchen Meister seines Handwerks, der nicht nur die Dauerhaftigkeit seiner Produkte im Auge hatte, sondern sein Eisen auch wunderbar zu verzieren wusste, indem er ihm eine schöne Form gab und verschiedene Muster hinein-hämmerte.
Neben dem Beschlagen der Pferde und der Wägen hatte der Schmied noch viele andere Dinge zu tun. Er spitzte und schärfte die Pflug-schare, schmiedete Beschläge für Türen und Tore, Verriegelungen, Schlösser, Fensterkreuze, sowie Keile zum Holzspalten und auch die verschiedenen Ketten, die der Bauer brauchte. Es war eine Kunst, eine wirklich gute Kette zu machen, da jedes Glied mit Hilfe des Feuers allein verschweißt werden musste. Dazu musste das Eisen so stark erhitzt werden, dass es beinahe floss. Das erforderte einiges Feingefühl, weil es spritzend verbrennt (eigentlich verbrennt der Kohlenstoff, der im Eisen enthalten ist) und somit unbrauchbar ist, wenn es nur noch unwesentlich heißer wird. Dann wurden die weiß-glühenden Eisenteile mit dem Hammer zusammengeschlagen, wobei man "Schweißblättchen" oder -staub dazwischen gab, um eine gute Verbindung zu erreichen. (Dabei handelt es sich um ein Reduktionsmittel - z.B. Borax-, das die im Feuer oxidierte Oberfläche des Eisens, die ein festes Verschweißen verhindern würde, rückverwandelt.) Um wieviel einfacher ist es doch heute, mit einer Schweißelektrode eine Naht zu ziehen!

Eine weitere Besonderheit in der Arbeit der Schmiede war das "Aufstacheln" (von "Aufstählern") von Werkzeugen. Die Bauern und Handwerker waren zu großer Sparsamkeit gezwungen und warfen daher ihr
abgearbeites Werkzeug (Hacken usw.) nicht weg, um sich neues zuzulegen, sondern brachten es zum Schmied damit er im Feuer ein neues Stück Stahl daranschweißte, hinausschmiedete, scharfmachte und härtete und sie auf billige Weise wieder gutes Werkzeug erhielten.

In der Blütezeit der Mostviertler Bauern (ca. 1870 - 1900) entstanden bei vielen Vierkantern sogar eigene Hausschmieden. Jeder "bessere "Bauer ließ sich seine eigene Schmiede beim Haus bauen. Es gab dann Schmiede die "auf die Stör gingen", wie das bei" anderen Handwerkern auch üblich war, d.h. dieser Schmied hatte zuhause keine eigene Werkstatt, sondern er ging zu den Bauern, um dort einige Tage zur Arbeit zu bleiben. (Ein Schmied hatte etwa 30 Hausschmieden zu betreuen.). Die Bezahlung dieser Handwerker erfolgte lange Zeit nur in Form von Kost und Quartier und Lebensmitteln. Damit konnten sie Frau und Kinder, die in ihrem kleinen Häuschen lebten, ernähren. Erst später wurde auch etwas Geld bezahlt.

Im "Mostviertler Bauernmuseum" ist so eine voll eingerichtete Hausschmiede zu sehen. Es gibt darin natürlich eine Esse, einen großen Blasbalg über der Decke, der getreten werden musste, den Amboss mit vielen verschiedenen Gesenken (Formen, in die das glühende Eisen geschlagen wird, sodass es die jeweilige Form annimmt) und Gesenkhämmern, viele verschiedene Zangen, handgeschmiedete Gewindeschneideisen, handgeschmiedete Schraubenschlüssel sowie einen Beschlagtisch mit dem Werkzeug zum Beschlagen der Pferde u.v.a.m. Besonders interessant ist auch ein Bild darin, ein Scherenschnitt von einem Hufschmied aus dem Jahr 1897, das zeigt, wie er ein Pferd beschlägt. Darunter steht ein Spruch, der sehr viel über die Mentalität, die Lebenseinstellung dieser Leute, aussagt, wie bescheiden und zufrieden sie meist waren:

"Mit frohem Mut und heitrem Sinn leb' ich so dahin,
und freu mich alle Tag, dass ich ein Hufschmied bin."


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