Donnerstag, 12. Juni 2014

Der Zimmermann - Arbeit und Leben der ländlichen Handwerker des Mostviertels in früheren Zeiten

Nr. 182 - 1. Juni 1987 - 16. Jahrgang

Arbeit und Leben der ländlichen Handwerker des Mostviertels in früheren Zeiten

(Von Anton Distelberger, Mostviertler-Bauernmuseum)

Als ich 1972 begann, in meinem Vierkanthof das „Mostviertler Bauernmuseum“ einzurichten (es ist mit über 5000 Exponaten das größte bäuerliche Privatmuseum Österreichs geworden), trieb mich der Gedanke, die Arbeits-, Wohn-, Brauchtums- und Glaubenswelt, die Kultur meiner Vorfahren und teilweise meiner Jugend im Gedächtnis zu erhalten. Besonders wichtig sind mir dabei neben den großartigen Dingen, wie Mostpresse, Dampfmaschine usw., die vielen alltäglichen und auch hervorragenden Kleinigkeiten, die das Leben erst ausmachen (Gebrauchs- und Ziergeschirr, Musikinstrumente, Tierfallen, Waschgeräte, Schmuck, Beleuchtungskörper, Pfeifen und Raucherzubehör, Votivgegenstände …).

Besonders wichtig ist mir dabei auch der Bezug der Menschen zu den Gegenständen – die Umstände der Verwendung, der Erfindergeist bei ihrer Einführung, die Handwerkskunst bei der Herstellung - und die vielfältigen Beziehungen und Abhängigkeiten der Menschen untereinander.

So bestand eine sehr starke Beziehung zwischen den Bauern und den ländlichen Handwerkern, weil sie sich einfach gegenseitig brauchten.

Ich begann daher, einen eigenen Raum zu schaffen, und von den 12 Handwerkern, die für den Mostviertler Bauern am wichtigsten waren, sämtliche Werkzeuge, ein Handwerkerschild und ein Bild der jeweiligen Schutzheiligen zu sammeln und einzurichten; vom Zimmermann, Tischler, Wagner, Binder, Rechen- und Schaufelmacher, Brunnenmacher, Gerber, Sattler, Schuster, Schmied, Töpfer und Weber.

1. Der Zimmermann

Funde von Rundholzbauten aus der Mittelsteinzeit (8000 – 4500 vor Christus) zeigen, dass das Zimmermannshandwerk wohl am frühesten seine Verbreitung fand. Das einzige Werkzeug des Zimmermanns war über lange Zeit hinweg die Hacke (aus Stein, dann aus Metall); später kamen durch die Entwicklung der Zimmermannskunst die Säge und viele andere verfeinerte Werkzeuge dazu, circa 50 davon sind heute in meinem Museum zu bewundern.

Im Zeitalter der Gattersäge weiß kaum jemand mehr, mit welch großer Mühe und geringen Mitteln die Holzbauten in früherer Zeit geschaffen wurden. Ein Zimmermann musste (wie die meisten anderen Handwerker auch) schon sehr früh aufstehen, und mit seiner „Kraxn“ (eine hölzerne Kiste zum Umhängen, in der das Werkzeug verstaut wurde) oft viele Kilometer weit zu Fuß zu seinem jeweiligen Arbeitsplatz gehen, wo meist um 6 Uhr morgens begonnen wurde.

Der Handwerker selbst hatte meist nur ein recht kleines Haus ohne eigener Werkstatt. Er arbeitete normalerweise bei den Bauern unter freiem Himmel.

Der Zimmermann war selbständig; so ging ein Bauer, der ein neues Gebäude plante, nicht zuerst zum Meister, der den Bau projektierte und dann seine Leute schickte, sondern er nahm direkt mit „seinem“ Zimmermann Kontakt auf. Umgekehrt wurden die Zimmerleute auch nicht von einem Meister beschäftigt und bezahlt, sie hatten sich ihre Arbeit selbst zu suchen.

Erst spät entstanden lose Arbeitsverhältnisse zu Meistern oder Firmen. Die ersten derartigen Firmen im Raum Amstetten wurden erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gegründet (Fa. Hopferwieser – heute Umdasch 1868, Fa. Rauscher, Hausmening 1878).

Die erste Arbeit im Lauf eines Jahres wie auch bei der Entstehung eines Holzgebäudes bzw. eines Dachstuhles war für den Zimmermann, dass er in den ersten schönen Märztagen zu den Bauern „Holz aushacken“ ging. Es gab ja noch keine Gattersägen, und so wurden die Stämme mit Hilfe von Äxten in eine halbwegs kantige Form gebracht, indem vom Rundholz auf vier Seiten so viel weggehackt wurde, dass ein annähernd rechteckiger Querschnitt übrigblieb. Es war günstig, diese Arbeit im zeitigen Frühjahr zu tun, weil sich das frische Holz wesentlich leichter bearbeiten lässt.

Wie beim Großteil all ihrer Arbeit waren hier nicht Zimmerleute allein am werk. Der Bauer und seine Knechte arbeiteten fest mit; der Zimmermann teilte die Arbeit ein und führte selbst die anspruchsvolleren Arbeitsgänge aus.

Um einen Stamm richtig „aushacken“ zu können, wurde er mit „Klampfen“ auf zwei Zimmerböcken befestigt. Dann wurde an den beiden Stellen, an denen später „Geschnürt“ werden sollte, entlang des Stammes die Rinde entfernt. Bei diesem „Schnurwerfen“ wurden längs des Stammes dort, wo in weiterer Folge senkrecht hinuntergehackt werden sollte, Linien aufgetragen. Das geschah mit Hilfe einer in Zimmermannsfarbe getränkten Schnur, die an den Stamm angelegt, gespannt, in der Mitte angehoben und dann wieder losgelassen wurde, sodass sie gegen den Stamm schnellte und dabei „schrieb“ – eine „schnurgerade“ Linie (wiederum „Schnur“ genannt) hinterließ.

Entlang dieser „Schnur“ wurde dann das Holz an der Außenseite des Stammes weggehackt. Der Bauer und seine Knechte arbeiteten grob mit der schmalen „Bandhacke“ vor, der Zimmermann selbst nahm mit seinem Breitbeil nur die letzten Millimeter ab; dies erforderte besondere Geschicklichkeit, weil dabei eine ebene, glatte Fläche entstehen musste, die fast wie gehobelt aussah, und nicht „über die Schnur gehauen“ werden durfte.

Nach dem Aushacken wurden die fertigen Balken zu einem Stoß geschlichtet, damit sie sich beim Trocknen nicht so leicht verzeihen und verwinden konnten. So warteten sie, bis die Zeit zum Abbinden und Aufsetzen kam. Zumeist war es dann das Aufsetzen eines Dachstuhles. Für diese Tätigkeiten brauchte man sehr viele Arbeitskräfte. Bei einem größeren Dachstuhl arbeiteten drei bis vier Zimmerleute unter der Leitung eines Vorarbeiters oder Poliers mit dem Bauern, seinen Knechten  und vielen hilfsbereiten Nachbarn zusammen. Wurde an einen bestehenden Bau angeschlossen, mussten vor dem Abbinden zunächst dessen Dachweite und –neigung mit Hilfe langer Latten abgenommen werden. Außerdem wurde der Grundriss des neuen Dachstuhls genau vermessen. Dann wurde das sogenannte „Profil“ gemacht; das ist eine Art Bretterboden, auf dem ein Zimmermann einen, oder wenn notwendig mehrere Querschnitte des zu errichtenden Dachstuhls im Originalmaßstab aufriss, um daraus verschiedene Detailmaße abnehmen zu können. Inzwischen wurde bereits begonnen, die schweren Balken – den Bund – aufzulegen. Die Zimmerleute waren damit beschäftigt, die genauen Längen, die Zapfen, Löcher usw. anzureißen, die Helfer hatten viele Tage lang mit der Hand zu schneiden und zu stemmen, die wesentlichen Teile wurden sofort zur Kontrolle zusammengestellt.
Am Tag nach Abschluss des Abbindens begann man schon sehr früh mit dem Aufsetzen des Dachstuhls. Dazu lud man noch mehr Leute ein, die auch gerne kamen, weil Aufsetzen immer mit Geselligkeit und einem kleinen Fest verbunden war. Helfer schafften das Bauholz herbei und reichten es nach oben. Die Zimmerleute nahmen es entgegen und begannen, den Bund auszulegen. Darauf wurden dann Bretter gelegt, damit die Arbeiter sicher drauf gehen und weiterarbeiten konnten. Nun konnte man beginnen, den Stuhl aufzurichten, die Pfetten (parallel zum First verlaufenden Hölzer) aufzulegen und die Sparren (Hölzer, die die Dachhaut tragen) anzunageln. Sobald es möglich war, begannen einige Leute an einem Ende mit dem Aufnageln der Dachlatten.

Dies alles geschah wieder unter der Leitung des Vorarbeiters oder Poliers.

Auch die Bäuerin war währenddessen nicht untätig; sie hatte ja ein Festessen für den Abend zu kochen, ein Fichtenbäumchen mit Krepppapierbändern zu schmücken und kleine „Aufsetzerbuschen“ aus Buchs und Papierblümchen für die Hüte aller Arbeiter zu machen.

Wenn das Werk vollbracht, der Dachstuhl fertig war und der Tag zur Neige ging, begann man schon an der Arbeitsstelle mit der kleinen Feierlichkeit. Die Bäuerin brachte den Aufsetzerbaum und die Sträußchen, die sie den Arbeitern ansteckte; der Bauer kam mit Most und Schnaps auf s Dach. Der Polier nagelte das Bäumchen auf den höchsten Punkt des Dachfirstes, nahm den Mostkrug in die Hand und trug einen „Aufsetzerspruch“ vor, in dem er in einfachen, gereimten, oft auch humorvollen Worten die Arbeiten und das Werk lobte, dem Bauherrn Glück wünschte und den Segen Gottes erbat. Ein Teil eines Spruches des Zimmerpoliers Johann Geyer aus Gigerreith lautet z.B.:

. „Mir hab’ns verspranzt und verpfost‘.
dabei hat uns der Bauherr brav g’holfa mit’n Most“
… „Den Baum halt i in der rechten Hand,
der heilige Florian schütze den Dachstuhl
vor Feuer und Brand.“
… Drum soll unser Bauherr recht hoch leben,
und die Baufrau gleich daneben.
Hoch, hoch, hoch!“

Die Burschen jauchzten, alle tranken noch einmal vom Mostkrug, und drei oder vier Zimmerleute ließen einen „Zapfenstreich“ ins abendliche Dunkel hinaushallen; sie klopften dazu mit der Hacke im Takt auf eine Aststelle am Dachstuhl, was weithin hörbar war.

Dann lud der Bauer in die Stube zum Essen. Es ging dabei hoch her, oft gab es auch einen Aufsetzertanz.
Während die Zimmerleute in der warmen Jahreszeit sämtliche Außenarbeiten verrichteten, gingen sie im Winter zu den Bauern auf die „Stör“, um Reparaturen vorzunehmen, Leitern, Türln u.ä. zu machen, und Dachrinnen auszuhacken. Während der Heu- und Schnittzeit hatten die Bauern keine Zeit, Handwerker zu beschäftigen; die Zimmerer waren arbeitslos.


Der Patron der Zimmerleute ist der heilige Josef. Daher war der Josefitag am 19. März ein Feiertag; die Zimmerleute arbeiteten nicht, sie trafen sich nach dem morgendlichen Kirchgang im Wirtshaus, wo es sicher viel Lustiges aus dem vergangen Jahr zu erzählen gab.

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