Mittwoch, 15. August 2012

Holz-Riesenschlangen auf der Ybbs - Zur Geschichte der Ybbsflößerei im 19. Jahrhundert


Nr. 247 - 1. Dezember 1991 - 20. Jahrgang


Holz-Riesenschlangen auf der Ybbs
Zur Geschichte der Ybbsflößerei im 19. Jahrhundert

(Dr. Heimo Cerny)

Um die ungeheuren Holzreserven des oberen Ybbstals rationell verwerten zu können, wurde von 1866-1881 die Flößerei auf der Ybbs professionell betrieben. An die hundert Floßzüge jährlich wurden mit Gratisenergie flussabwärts von Langau bzw. Göstling nach Amstetten auf die Reise geschickt. Diese umweltschonende Art des Holztransports musste freilich bald den modernen, jedoch weniger sanften Verkehrstechnologien auf Schiene und Straße weichen. Vor 110 Jahren fuhr der letzte Floßzug auf der grünen Ybbs.

Die ältesten Nachrichten über das Flößen auf der Ybbs stammen bereits aus den Jahren 1504 und 1543, doch sind dann für die folgenden eineinhalb Jahrhunderte keine Belege mehr darüber vorhanden. Erst 1706 un­ternahm der Besitzer der Herrschaft Gleiß, Fürst Montecuccoli, den Versuch, die Flößerei wieder einzufüh­ren, um das im oberen Ybbstal reichlich vorhandene Holz besser zu verwerten, da es nur als Holzkohle für das Industriegebiet der Eisenwurzen Absatz fand. Der Unternehmergeist Montecuccolis scheiterte aber am hartnäckigen Widerstand der Eisenstadt Waidhofen, deren allgewaltige Hammerherren die Kohlholzpreise diktierten. Schließlich konnte es 1754 die Innerberger Hauptgewerkschaft durchsetzen, den Oberlauf der Ybbs wenigstens zum Holzschwemmen zu benützen, und ab 1824 erwarb auch die Domäne Ga­ming das Schwemmrecht von der Quelle bis zum Lan­gauer Oisrechen. Von hier weg musste das Triftholz mittels Pferdeeisenbahn über Lackenhof nach Randegg befördert werden, wo es dann auf der Erlauf bis Pöch­larn weitergeschwemmt wurde.

1864/65 kam die Staatsdomäne Waidhofen um den Kaufpreis von 1 Million Gulden in den Besitz der Straß­burger Holzhandelsfirma Andre Götz et freres, die die Ybbs hinsichtlich der Möglichkeit einer rationellen Ver­flößung von Langholz durch den Floßmeister Abraham Koch aus Schiltach a. d. Kinzing (im Schwarzwald) un­tersuchen ließ. Nach fünfmaliger Begehung der Strec­ke verbürgte sich der erfahrene Schwarzwälder Floß­meister für den Erfolg der angestrebten Unterneh­mung, und die kommissionellen Erhebungen nahmen ihren Lauf. Nun herrschte große Aufregung im ganzen Ybbstal: Die Eisenindustriellen befürchteten infolge der Holzausfuhr ein Ansteigen der Holzkohlenpreise, die Wasserwerksbesitzer und andere Anrainer sprachen sich ebenfalls entschieden gegen das Projekt aus. Die Bauern waren im Allgemeinen dafür, da sie für ihr Holz jetzt bessere Preise zu erzielen hofften; auch die Holz­knechte erwarteten sich gute Arbeit. Trotzdem hielten viele das Unternehmen für ganz unmöglich. Nach ein­gehenden Verhandlungen mit allen Anrainern - es wur­den 29 Brücken, 22 Mühlen, 19 Wehranlagen, 8 Was­serschleifen, 7 Hammer- und 3 Sägewerke, 1 Knochen- und 1 Ölstampf sowie eine Anzahl von Stegen unter­sucht - konnten schließlich alle Widerstände und Be­denken beseitigt werden, und die Flößerei wurde mit Erlass vom 6. September 1865 vom Ministerium für Handel und Volkswirtschaft bewilligt. Nun mussten die nötigen Maßnahmen getroffen werden, um das Ybbsbett für den Flößereibetrieb zu adaptieren: Felsen waren zu sprengen, die Wehren wurden mit Einschnitten und Rutschbänken (Floßgassen) versehen und Treppelwege am Ufer angelegt. Besondere Schwierigkeiten bot die Stelle am Fuß des Sonntagberges, wo man am längsten zu arbeiten hatte. Die Gesamtkosten des Projekts beliefen sich auf rund 80.000 Gulden. Flößer aus dem Schwarzwald leiteten die Instandsetzungsarbeiten und lehrten die Einheimischen in den "Wiedenhütten" die Herstellung der zum Binden der Flöße benötigten Wieden: es waren dies überaus zähe Bindseile, die man aus gerösteten Haselstauden verfertigte. Sogenannte Einbindstätten" befanden sich in Langau, Göstling und Hollenstein, wo Stauteiche angelegt werden mussten, um die Flöße zusammenzubinden.

In Amstetten erhielt das französische Konsortium 1865 die Bewilligung, am Platz des einsam gelegenen "Auhäusls" (heute Invalidensiedlung) einen Floßhafen und ein Dampfsägewerk zu errichten. Dieses wurde hochmodern, mit sechs dampfbetriebenen Bundgattern und einem eigenen Bahnanschluss, ausgestattet. Für die Arbeiter und Angestellten entstand neben dem Betriebsgebäude auch eine Wohnsiedlung. Ein großer Tag war dann der 1.März 1866, an dem die Flößerei auf der Ybbs feierlich eröffnet wurde. Der erste Floßzug wurde um 11 Uhr vormittag von Hollenstein Richtung Waidhofen abgelassen. Die Fahrt machten auch die Eigentümer der Herrschaft und des Unternehmens, die Gebrüder Götz und Heinrich Schlumberger, mit. Nach vier Stunden lief das Floß jedoch auf einem nicht genügend beseitigten Felshindernis fest. Erst tags darauf wurde es wieder flottgemacht - und nun ging es ohne Zwischenfälle bis Waidhofen weiter, wobei die Bevölkerung an diesem Ereignis begeisterte Teilnahme zeigte. Nach der glücklichen Ankunft des Floßzuges um 6 Uhr abends fand im Schloss ein zünftiger Festschmaus statt. Am Abend des 3.März landete das Floß schließlich in Amstetten. Josef Zeiger, der damalige Stadtkaplan von Waidhofen, veröffentlichte als Augenzeuge der ersten Floßfahrt mit überschwänglichen Worten folgenden Bericht im 'Südtiroler Volksboten" vom 2. März 1866:

Gerade komme ich von einem großartigen Schauspiel zurück, wie es die Industrie nur bieten kann. Eine wahre Riesenschlange wälzte sich über den Ybbsfluß, zwar langsamen aber sicheren Ganges aus den Schluchten des Ötschergebirges kommend, hier herab; es war ein Floss von 32 Baumlängen oder einzeln zusammenhängenden Flössen mit über 600 Stämmen, darunter einzelne wahre Musterstämme. Diese Riesenschlange bewältigten nur 11, sage eilt Mann; Männer, die beim Wasser aufgewachsen sind und jede Welle kennen. Der ganze Floss hat die Form eines Keiles, der erste läuft spitzig zu, hat zwei Schaufeln und ein Steuerruder. Die Flößer sind mit Stangen bewaffnet, die mit einem eisernen Widerhaken versehen sind. Die folgenden Flösse sind breiter und mit Wieden stark aneinander befestigt. Unter den Brücken fuhren die Flößer mit so leichtem Spiel dahin, dass man staunte. Nur für das glückliche Weiterkommen über die Wehren, d.i. über die Wasserschwellen der hiesigen Schmiede und Schleifer, fürchtete man, und zwar mit Recht, weil sie einen gewaltigen Wasserfall bilden. Man hat früher den Einfall für lächerlich gefunden, über eine Wehre mit Flössen fahren zu wollen; doch die Industrie der Ausländer (Elsasser und Schwaben) hat uns zu Schanden gemacht. Alle Herzen schlugen dem Augenblick entgegen, in welchem die Flösse im Angesichte Waidhofens über die große Wehre gleiten würden. Man konnte ein gewisses Gefühl des Grauens und der Bangigkeit nicht unterdrücken, und fromme Gemüter mochten für die Personen, die zur Flotte gehörten, Reue und Leid erweckt haben. Doch bald sah man, wie leicht solchen Wassermännern auch diese Kunst ankomme. Als der Kopf des Floßes eine schiefe Richtung nach abwärts nahm, stemmte sich der erste Steuermann nach vorne fest an, stieg auf das Steuerruder, so dass es hoch in der Luft schwebte, und unten nicht verletzt werden konnte, und hielt sich mit der andern Hand rückwärts an einer befestigten Stange und so fuhr er stehend in die tiefen Fluten hinab, ohne dass ihm das Wasser über die Knöchel kam. Dieselbe höchst poetische Stellung nahmen die nachfolgenden Flößer an und fuhren guten Mutes über diese Scylla, oder wenn man will, sogar Charybdis hinab. Weiße Fähnchen begrüßten die Ankommenden und drei Polier gaben ihre Freudenbezeugung kund. Die Waidhofner selbst aber waren über dieses Ereignis so überrascht, dass sie hinsichtlich jeder Freudenbezeugung für dieses erste Mal verstummten. Doch gingen sie kopfschüttelnd und mit entschiedenem Beifall von dannen, und wunderten sich höchlichst, dass die früheren Regierungsmänner, als die Herrschaft Waidhofen noch dem Staate gehörte, ein solches Industriestück zu Wege zu bringen nicht im Stande waren." Im Waidhofener Heimatmuseum ist uns ein aufschlussreiches Gemälde von der Fahrt dieses ersten Ybbsfloßes erhalten, und zwar stellt es den erwähnten Unfall bei Kleinhollenstein dar. Das Bild des Weyrer Malers Johann Gabriel Frey ist zwar künstlerisch unbedeutend, dafür aber technologisch von Interesse. Der dem Bild beigefügte Text lautet: "1866 Am ersten Tag im März ist die erste Fahrt gemacht worden auf der Yps, von Hollenstein nach Amstetten, hatten 31 Flöße aneinander, über 400 Bäume. Dieweil die Ips bestehet, ist dieses nie geschehen. Ehre und Achtung den Unternehmern. 1880 das Floßfahren wiederum aufgeherth, wegen mangels am Holz. Joh.Gab.Frey in Weyer gemalt."

Ein Ybbsfloß war kein Einzelfloß, sondern ein Floßzug, der je nach Wasserstand aus 25 bis 36 sogenannten "Gstören" bestand und eine Gesamtlänge von ca. 400 Metern aufwies. Ein Gstör umfasste zumeist 10-20 zusammengebundene Baumstämme und war maximal 6 Meter breit. Das erste Gstör, auch Vorholz genannt, war leichter und schmäler, da es die Führung und das Steuerruder hatte, das letzte Gstör war am schwersten und breitesten und hieß After. In der Mitte des Floßzuges stand das "Plunderhäuschen", eine bretterne Hütte, in der die Flößer ihre notwendige Habe unterbrachten. Die Mannschaft für ein Floß, bestehend aus 2 Führern und 12 Flößern, hieß "Flößerpaß" oder "Gspan". Das Unternehmen hatte insgesamt 3 Flößerpässe zur Verfügung. Bei günstigen Wasserverhältnissen dauerte die Fahrt von Langau nach Amstetten zwei Tage, ab Göstling eineinhalb Tage. Die Förderungskosten betrugen pro Tag 65 Gulden. In einem Jahr gingen etwa 100 Floßzüge vom oberen Ybbstal nach Amstetten ab. Hier wurde das Holz dann in der um 200.000 Gulden erbauten Dampfsäge "Concordia", wo zeitweilig bis zu 400 Menschen Beschäftigung fanden, verschnitten und per Bahn nach Norddeutschland, Holland, Frankreich und Ungarn transportiert. Zur Verwertung der Holzabfälle richtete man auch eine Verkohlungsstätte ein, deren Produkte an die Westbahn abgesetzt wurden. Amstetten empfand die Dampfsäge, wohl bedingt durch das ausländische Unternehmerkonsortium, allerdings als einen Fremdkörper. Das ging so weit, dass im Gemeinderat der Antrag eingebracht wurde, den Leuten der Dampfsäge solle die Aufnahme ins Bürgerspital und die Beerdigung in Amstettens Friedhof verwehrt werden! Das französische Konsortium gab schon nach vier Jahren, 1870, den Betrieb wieder auf. Zwei andere Firmen setzten ihn hintereinander in verkleinertem Umfang fort, 1875 erwarb ihn Salomon Maier v. Rothschild. Da sich der Holzvorrat immer mehr erschöpfte, wollte Rothschild in den vorhandenen Baulichkeiten eine Zünddrahtfabrik einrichten, kam aber von dem Plan wieder ab. 1881 wurde die Flößerei endgültig eingestellt und die Dampfsäge stillgelegt.
Jener Floßmeister Abraham Koch, der die Ybbsflößerei nach Schwarzwälder Art eingerichtet hatte, musste sich nun auch um einen anderen Verdienst umsehen. Er erwarb 1893 das Sägewerk Schwellödt, welches er später der Stadt Waidhofen verkaufte, die dort ihr E-Werk errichtete. Durch die Inflation verarmt, starb er im Jahre 1927.

Es mögen verschiedene Faktoren im Spiel gewesen sein, die 1881 zur plötzlichen Einstellung des ursprünglich florierenden Unternehmens führten. Hauptursache war sicherlich der durch unkontrollierten Raubbau im oberen Ybbstal allmählich eingetretene Holzmangel. Aber auch die damals bereits einsetzende Mechanisierung des Verkehrs- und Transportwesens (Bahn und Straße) machten das Flößen unrentabel. An die nur eineinhalb Jahrzehnte währende Epoche der Ybbstaler Flößerei erinnert heute noch das "Flößerstüben" im Gasthof Freudenschuß in Hilm-Kematen.

Literaturangabe:
Eduard Stepan, Das Ybbstal, 2.Bd. (Wien-Göstling 1951)
Leopoldine Pelzl, Amstetten unter den Bürgermeistern des 19. Jahrhunderts (=Amstettner Beiträge 1979).
Heimo Cerny, Scylla und Charybdis auf der Ybbs. Holzschwemmen im 19.Jahrhundert, in: "morgen" Nr. 24 (1982).

Daß die relativ kurze Zeitspanne der Ybbsflößerei auch in der volkstümlichen Überlieferung ihren Niederschlag gefunden hat, beweist die Sage vom "Flößermandl":

Das Flößermandl


Ybbsaufwärts von Kogelsbach, einem Ortsteil der Gemeinde St.Georgen am Reith, wo steile Felsen zum Ufer des grünschäumenden Flusses abfallen, wohnte einstens in einer kleinen Höhle ein Berggeist. Die Holzflößer nannten ihn das Flößermandl. Das Mandl war sehr klein, aber dabei außerordentlich kräftig und zähe. Es konnte die längsten Flöße allein über die oft sehr gefährlichen Ybbswirbel lenken. Oft und mit betonter Lust half das Männlein den Flößerknechten, wenn sie allzuharte Arbeit hatten, besonders aber dann, wenn es Hochwasser gab. Nie ging ein Floß unter, wenn das Flößermandl mithalf.
Da fuhr einmal ein Floßführer mit vierzehn Knechten bei reißendem Hochwasser von der Langau nach Waidhofen a.d.Ybbs. Als das mächtige Floß an der Höhle des Berggeistes vorbeikam, rief das Mandl: "Nehmt mich mit, ich will euch tüchtig helfen!" Der Floßführer lachte über die Worte des Männleins und schrie ihm zu: "Wie sollst du Knirps mir helfen? Meinst du etwa, du hättest mehr Kraft als ich?" Und hochmütig fuhr der Flößer weiter. Am Ausgang des "Kleinen Gesäuses", in der Nähe von Gstadt, geriet das Floß in einen teuflisch wilden Wasserwirbel. An dieser gefährlichen Stelle war aber die Kraft des Wassers stärker als die Geschicklichkeit des Floßführers. An einem Felsbrocken zerschellte krachend das große Floß. Der Floßführer ertrank, seine vierzehn Knechte aber konnten sich retten. Sie erzählten nachher, dass sie es deutlich gehört hätten, wie das auf einmal auftauchende Flößermandl höhnisch lachte, als das Floß zerbrach. (Aus: Sagen aus dem Mostviertel, 1.Bd., Amstetten 1951, S.122)


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