Samstag, 24. Dezember 2011

Unsere Vierkanthöfe

Nr. 79 - 1. November 1978 - 7. Jahrgang

UNSERE VIERKANTHÖFE
(verfasst von Ob.Insp. Hans Hintermayr, Kustos des Mostviertelmuseums in Stadt Haag)

Über die Entstehung des Vierkanthofes gibt es einige Theorien. Sicher war es ein langer Werdegang, bis sich jener ausgereifte Bautypus ergab, wie er sich heute darstellt. Es mag verschiedene Vorstufen, ähnliche Höfe im In-. und Ausland geben, der Vierkanter jedoch ist nur im ober- und niederösterreichischen Raum, und zwar vorwiegend in den fruchtbaren Flach- und Hügelgebieten südlich der Donau, als die vollkommenste Gehöfteform anzutreffen. Über die geschichtliche Entwicklung der Vierkanthöfe gibt es nur Theorien und keine handfesten Beweise:
1.     Die Wehrtheorie: der Vierkanter sei etwa mittelalterlichen Schlössern und Burgen nachgebaut worden. Der Typus der Abgeschlossenheit könnte dieser Theorie als ein möglicher Beweis dienen.
2.     Die Funktionstheorie: der Vierkanter biete die beste Betriebs- und Arbeitsfunktion für die mittelalterliche Naturalwirtschaft.
3.     Die Evolutionstheorie: der Vierkanter ist das Ergebnis einer Entwicklungslinie, die ihren Anfang nahm im mittelalterlichen Gruppen- (=Haufen-)hof mit der innewohnenden Tendenz zur Ausbildung zum Regelhof. Die weitere Station auf dem Wege zur Endform bildete dann der Vierseithof, der noch keine einheitliche Firstlinie aufweist.
Diese freistehenden und für sich abgeschlossenen mächtigen Gehöfte erinnern auch in mancher Hinsicht an die barocken Klosterbauten, von denen Einflüsse auf das bäuerliche Bauen gewirkt haben mögen.

Die aus vielfältigen praktischen Erfahrungen gereifte Bauform bietet bei der täglichen Arbeit in Haus und Hof zu jeder Jahreszeit arbeitsmäßig Vorteile gegenüber weitläufigen Anlagen. Die vielen Arbeitsvorgänge zwischen Haus- und Wirtschaftsräumen sind, im Vergleich etwa zum offenen Innviertler Vierseithof, wesentlich kürzer, und man ist besser gegen die Unbill der Witterung geschützt.

Die These von der Evolution des Gruppenhofes zum Vierkanter als überprüfbare Theorie ist heute am wenigsten umstritten. Sie wird vertreten von A. Klaar, O. Moser, V. H. Pöttler.

Die Ausmaße der Vierkanter sind, von der Konzeption her gesehen, auf die Größe des betreffenden Grundbesitzes abgestimmt. Wirtschaften ab rund 20 Joch werden zur Kategorie der mittleren Betriebsgrößen gezählt.

Ab 40 Joch Grund sind die Besitzungen in die Kategorie der Großvierkanter einzureihen. Diese Höfe erreichen einen Umfang von 180 bis 220 Meter.

Zum Hauptmerkmal dieser Gehöfttype gehört der viertraktige Bau mit der ringsum geschlossenen Firstlinie; Wohngebäude und Wirtschaftstrakte sind miteinander in einer Anlage vereinigt.

Rudolf Heckl umreißt in der OÖ Baufibel" das wesentliche des Vierkanthofes mit folgenden Worten: Das Charakteristische des Vierkanters ist sein Streben nach Geschlossenheit, das Burgähnliche und kristallisch Vollendete."

Ursprünglich waren diese Gehöfte ebenerdig. Beim Aufstocken behielt man - mit Ausnahme von Erweiterungen - die Grundkonzeption jedoch vielfach bei. Aufschlussreich ist die Tatsache, dass überraschend viele Stallfronten südlich situiert sind, während dies bei Wohntrakten weniger häufig vorkommt. Mit der daraus abzuleitenden Annahme, dass die Südseite bei kälterer Jahreszeit eben die geschütztere, die warme- und windstillere Seite ist, die echte Vorteile für das Vieh bot, wird man sicher nicht fehl gehen. Die Räume für das Vieh genossen immer schon einen Vorrang gegenüber den Wohnräumlichkeiten. So hat man ursprünglich bei der Anwendung von festen Baustoffen zuerst mit den Stallungen begonnen. Nach und nach kamen die anderen Trakte an die Reihe. Der Wohntrakt war deshalb bei unseren Vierkantern erst das letzte Vorhaben. So konnte man noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts manche Bauernhöfe sehen, bei denen der Hausstock eingeschossig war, während alle anderen Gebäudeteile Zweigeschossigkeit aufwiesen.

Als große Bauepoche für die Vierkanter (Aufstockung) kann man die
Zeit zwischen 1850 bis 1870 bezeichnen. Die Jahreszahlen an den steinernen Haustürgerichten sind Beweis dafür. Der heimische Lehmboden lieferte das wertvolle Rohprodukt für das noch nach über 100 Jahren so prächtig wirkende Ziegelmauerwerk. Die hauseigenen Ziegelbrennereien begünstigten die rege Bautätigkeit. Die Besitzer der Höfe Samhub in Reichhub, Katzwimmer in Haidershofen und Huber in Hofkirchen wissen von ihren Vätern genau den ehemaligen Standort der Ziegelöfen. Baggerarbeiten fördern fallweise Reste solcher Öfen zu Tage. Das händische "Ziegelschlag'n" und das Brennen besorgten Gastarbeiter aus Italien.

Als Bindemittel für den Ziegelbau wurde ein mit Wasser, Spreu und Grät'n vermengter Lehm ("Loahmsupp'n") verwendet. Dieser bereits körnerfreie Mörtel verlangte für das Mauerhandwerk große Genauigkeit und bewirkte durch die erzielten schmalen Fugen einen gediegenen Gesamteindruck.

Bewundernswert sind die rohbelassenen Ziegelfassaden durch die "Stürze" über den Fenstern, weiters durch das zwischen dem Erd- und Obergeschoß ausgelegte Zierband-Element in verschiedenen Variationen und durch die Gesimsgestaltung. Diese Mauerzier wurde erhöht durch weiße Fensterputzfaschen. Echte Steinmetzkunst beweisen die steinernen Gewände bei Haustür- und Hoftorrahmen. Auf eine sinnbildhafte und schmuckbetonte "aufgedoppelte" Haustür wurde großer Wert gelegt. Von den verschiedenen Türornamenten (Malzeichen, Rauten, Sonnen und Sterne) zählten die Sternentüren zu den beliebtesten. Durch Anbringung an Fresken und bemalten Bildern über den Haupteingängen - vornehmlich über der Haustüre - wurde bildhaft das Haus unter den Schutz von Heiligen gestellt.

Die Vierkantfassaden künden von der handwerklichen Fertigkeit der Erbauer, von ihrer Lebensauffassung, von einem guten Formgefühl und nicht zuletzt auch von einem bestimmten Schmuck- und Zierbedürfnis. Die Erhaltung dieser profanen Baudenkmäler sollte jedem Besitzer Verpflichtung sein. Nach einem ungeschriebenen Gesetz obliegt es jeder Generation, auf dem Hof einen der vier Trakte neu instandzusetzen, sodass sich der Hof innerhalb von etwa 100 Jahren immer wieder erneuert.

(Entnommen aus der soeben erschienenen Publikation "Das Mostviertel und sein Museum in Haag"; Eigentümer, Herausgeber und Verleger Ob. Insp. Johann Hintermayr.)


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