Donnerstag, 22. Dezember 2011

Marktgemeinde Neustadtl an der Donau - Fortsetzung

Nr. 37 - 1. Mai 1975 - 4. Jahrgang

Marktgemeinde Neustadtl an der Donau (Fortsetzung von Nr. 35 vom 1.3.1975 )

Zur Zeit der aufkommenden Industrialisierung versuchte das Ärar im Wald des Kremser (südöstlich des Marktes, "Silberlucken") einen Silberabbau einzurichten, doch musste dieses Vorhaben wegen der geringen Ergiebigkeit bald eingestellt werden. Ebenso scheiterte der Versuch, bei Beidenstein (Nähe Hofstatt) einen Kohlenabbau ins Leben zu rufen; die Qualität der Kohle entsprach nicht. Lediglich die Granitsteingewinnung zeigte Erfolge. So wurden Steinbrüche an der Donau und in Ellingberg (Windpassing) eingerichtet. Heute sind jedoch alle Brüche, bis auf den in Ellingberg, stillgelegt.

Die Franzosenzeit brachte viel Not und Leid über Neustadtl. Der Musterlehrer Anton Schmid schildert diese traurigen Ereignisse recht anschaulich und ausführlich in seiner Familienchronik. Heute weisen noch Wegkreuze ("Franzosenkreuze") auf diese Zeit hin.

Das 19. Jhdt. brachte mit seinen einschneidenden Maßnahmen auch für Neustadtl viele Veränderungen. Als Folge der Gemeindeverfassung schlossen sich die Donaugemeinden Hößgang und Freienstein mit Neustadtl zusammen.

Der damalige Freiherr von Seisenegg, Ferdinand von Riesenfels, war in den Jahren 1870-1873 Bürgermeister von Neustadtl; ein weiteres Zeichen guter Verhältnisse zur ehemaligen Grundherrschaft. Zum Ausgang dieses Jahrhunderts kam es zur Gründung und Einrichtung der verschiedensten Institutionen und Ämter (Darlehenskasse, Freiwillige Feuerwehr, Postamt, Gendarmerieposten). In den Jahren 1908 und 1909 weilte der Bürgermeister von Wien, Dr. Karl Lueger, in unserer Gemeinde; sein Almenhaus (Löffellehen) befindet sich in Berghof (damals Judenhof).

Die beiden Weltkriege forderten den Neustadtlern einen hohen Blutzoll ab. Das Kriegerdenkmal ist ein stummer Zeuge dieser schweren Jahre.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte in Neustadtl - wie auch in vielen anderen Orten - bald ein lebhafter Aufbau. Die verschiedensten kommunalen Einrichtungen wurden geschaffen. Die Gemeinden der Neustadtler Platte kamen verwaltungsmäßig zum Bezirk Amstetten; bis 1945 hatte unser Gebiet zum Bezirk Melk gehört. Mit Wirkung vom 1. Jänner 1970 schlossen sich die fünf Gemeinden Berghof, Nabegg, Klein Wolfstein, Neustadtl und Windpassing freiwillig zur Marktgemeinde Neustadtl a.d. Donau zusammen. Ausschlaggebend für diesen Entschluss war der Hauptschulbau in Neustadtl. So hat Neustadtl nach über 800 Jahren zu der politischen Einheit zurückgefunden, als die sie im Jahre 1147 entstand.

Das Gemeindegebiet umfasst eine Fläche von 47,68 km². Die Einwohnerzahl beträgt 2.150. Von den 430 Häusern stehen im Gebiet des Marktes 60. Die vorherrschende Siedlungsform ist das Einzelgehöft. Das Gemeindegebiet ist in acht Katastralgemeinden unterteilt. In wirtschaftlicher Hinsicht herrscht die Landwirtschaft vor. In den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch Grundlegendes geändert. Die Ergebnisse der letzten Volkszählungen zeigen, dass die Zahl der unselbständig Erwerbstätigen ständig zunimmt. Der Umstand, dass die Landwirte Neustadtls als Bergbauern eingestuft sind und die Größe der einzelnen Wirtschaften über 20 ha kaum hinausgehen, macht deutlich, dass die Erträge aus der Landwirtschaft eher kärglich zu nennen sind. Heute beziehen bereits über 50 % der Erwerbstätigen ihr Einkommen aus unselbständiger Tätigkeit. Man kann also kaum mehr von einer Bauerngemeinde sprechen. Die Donauorte Hößgang und Freienstein haben ihre einstige Bedeutung (Treidelschiffahrt) verloren.

In den letzten Jahren setzte eine erfreuliche Entwicklung auf dem Gebiet des Fremdenverkehrs ein. Der reizvolle Strudengau und die landschaftlichen Schönheiten der Neustadtler Platte überhaupt sind die Grundlagen für diese Entwicklung. Immer mehr Fremde beginnen in unserer hektischen Zeit, die Ruhe und Abgeschiedenheit unseres Gebietes richtig einzuschätzen. Lohnende Ausflugsziele bieten sich an (Brandstetterkogel-Schutzhütte, Hößgang mit Insel Wörth, Ruine Freienstein u.v.a.). Schon Schweickardt rühmt in seiner "Beschreibung des Viertels ober dem Wienerwald" 1837 Neustadtl als ein "Pfarrdorf mit einer Aussicht nach allen Seiten, die über alle Beschreibung prachtvoll ist". Durch private Initiative entstand vor drei Jahren in Riedbach (Nabegg) ein Schischlepplift mit einer idealen Familienpiste. Somit erscheint die Entwicklungsrichtung der Gemeinde für die nächste Zukunft vorgezeichnet.

Sehenswürdigkeiten:

Pfarrkirche: Sie ist dem Heiligen Jakob dem Alten geweiht. Das Gewölbe des dreischiffigen Gotteshauses wird von vier achteckigen Säulen betragen und hat ein reich gegliedertes Netzrippengewölbe. Die Bauweise ist der Spätgotik zuzuordnen. Der massige Viereckturm trägt eine barocke Haube. Im 19. Jhdt. wurde die Inneneinrichtung zum Großteil im Sinne der Neugotik erneuert, 1957 erfolgte eine Generalrenovierung, die sehr gut gelungen ist.

Georgssäule: Sie ist das Wahrzeichen von Neustadtl und entstammt dem frühen Barock. Die Säule steht auf dem höchsten Punkt des Marktes, im Friedhof. Die genaue Entstehungszeit und ihre Herkunft ist unbekannt. Wahrscheinlich wurde sie von der Grundherrschaft (Seisenegg) im Jahre 1664 aufgestellt. Die Vierecksäule ist bekrönt vom Reiterstandbild des Heiligen Georg. Auf der Säule ist die Hl. Dreifaltigkeit dargestellt. Die Säule ruht auf einem Altartisch, sie ist von einer Marien- und einer Johannesstatue flankiert.

Pranger: Das Denkmal der alten Marktgerichtsbarkeit bildet heute die Säule eines Wegkreuzes auf dem Marktplatz.

Luegerkapelle: 1938 wurde zum Gedenken an den großen Wiener Bürgermeister, Dr. Karl Lueger, in unmittelbarer Nähe seines Stammhauses (Löffellehen) in der Katastralgemeinde Berghof diese Gedächtniskapelle errichtet. Sie ist dem Heiligen Borromäus geweiht.

Ruine Freienstein: Erste genaue Erwähnungen über Freienstein stammen aus der frühen Babenbergerzeit. Die Burg war landesfürstliches Eigentum und gehörte mit ihrem Bereich zum Landgericht Carlsbach. Sie wurde abwechselnd zur Nutzung ausgegeben. 1657 gelangte sie in den Besitz der Starhemberger. Heute ist die Ruine im Privatbesitz. Sie liegt malerisch auf einem seitlichen Einschnitt des Donautales. Noch heute ist die Weitläufigkeit der Anlage gut erkennbar.

Insel Wörth in Hößgang: Der "Hößgang" ist jener Donauarm, der die Insel Wörth südl. umfließt. Er soll sich erst im 18. Jhdt. gebildet haben. Die Reste der obengenannten mittelalterlichen Burg sind noch erkennbar. Auf dem höchsten Punkt der Insel befindet sich das "Wörtherkreuz"; es ist rund fünf Meter hoch. Auf einem Granitsockel vor dem Kreuz steht eine Statue, die schmerzhafte Maria darstellend. Der Sockel trägt die Jahreszahl 1552. Ruine, Kreuz und Insel sind - wie der ganze Strudengau - sagenumwoben. 1908 sollte die Insel abgeholzt und auf ihr eine Zementfabrik errichtet werden. Der aus Grein stammende Dichter Herndl machte sich zum Anwalt der Insel. 1909 erwarb die Regierung die Insel und rettete so ein schönes Fleckchen, und mit ihm wurde der gesamte Strudengau in seiner Ursprünglichkeit erhalten.


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