Freitag, 23. Dezember 2011

Gemeinde Wolfsbach (Teil 1)

Nr. 67 - 1. November 1977 - 6. Jahrgang

GEMEINDE WOLFSBACH (Teil 1)
(verfasst von Oberstudienrat Dr. Rosine Schadauer)

Wolfsbach ist in mehrfacher Hinsicht günstig gelegen: In der West-Ost-Erstreckung des Bezirkes nimmt es die Mitte ein, von Amstetten, Waidhofen/Ybbs und Steyr ist es etwa 20 km entfernt, im Süden führt die Westbahn, im Norden die Autobahn vorbei. Die Bahnstation St. Peter im Süden und die Haltestelle Krenstetten/Biberbach im Osten liegen nahe an den Grenzen der Gemeinde. Die Autobuslinie Steyr-Amstetten führt durch den Ort. Die Gemeinde Wolfsbach erstreckt sich über eine Fläche von 30,94 km2, hat 1728 Einwohner, die Seehöhe beträgt 384 m. Im Norden gehen die breiten "Böden" und sanften Hänge in die unruhigen Strengberge über, gegen Süden senkt sich das Hügelland in zwei Wellen zur Au an der Url, welche die Grenze gegen Seitenstetten bildet. Die Nachbarorte, Stadt Haag im Westen und Markt Aschbach im Osten, haben Wolfsbach im Laufe der Entwicklung überflügelt. Sie haben neben der Landwirtschaft neue Großbetriebe entwickelt und bieten so vielen Bewohnern Arbeitsplätze. Wolfsbach hingegen ist eine reine Bauerngemeinde geblieben, der Ort selbst ist klein, sodass viele Wolfsbacher auswärts arbeiten müssen.

Die Geschichte von Wolfsbach ist eingebettet in die Geschichte des Ennswaldgebietes, des Landes zwischen Enns und Ybbs. Das von Bajuwaren in der Völkerwanderung besiedelte Land wurde von den Awaren im 8. Jahrhundert und von den Magyaren im 9. und 10. Jahrhundert verheert. Nach dem Sieg Karls des Großen über die Awaren übernahmen bairische Klöster und Hochstifte die bedeutsame Aufgabe, die neu errichtete Awarenmark zu besiedeln und zu kultivieren. Das Donaukloster Niederaltaich in Bayern versah diesen Auftrag im Ennswaldgebiet.

Damit hängt die Frage nach den Anfängen der Pfarre Wolfsbach zusammen. Die zwei ältesten Urkunden, die man mit Wolfsbach in Verbindung bringt, sind datiert mit dem 28. Juni 823. Kaiser Ludwig der Fromme erstattete dem Hochstift Passau eine Reihe von Orten zurück, unter ihnen Aschbach und Wolffeswanch. Der Name findet sich nochmals in einer Urkunde vom 8. September 903, in der Chorbischof Madalwin die meisten seiner Güter, darunter auch ein Eigengut in Wolveswanc, der Diözese Passau vermacht. Nach diesen Urkunden kann man von einer mehr als 1000-jährigen Geschichte Wolfsbachs sprechen, allerdings unter der Voraussetzung, dass Wolffeswanch und Wolfsbach gleichzusetzen sind. Wenn nach den Ortsangaben der Urkunde das Madalwingut westlich von St. Peter/Au gelegen sein soll, so ist das kein Beweis dafür, dass mit Wolffeswanch nicht Wolfsbach gemeint sein könne, denn die Großpfarre Wolfsbach reichte gegen Südwesten noch weit über St. Peter hinaus. Schwerer wiegt der Einwand, dass aus Wolveswanc durch Sprachentwicklung nicht Wolfsbach geworden sein kann. Es ist aber denkbar, dass man die unverständliche Silbe "-wanc" einfach durch "-bach" ersetzte.

Der Name "Wolfsbach" kommt erstmals im Stiftsbrief des Nonnenklosters Erla vor, das "ein Gut bei der Kirche Wolfsbach" erhält. Nach neuen Forschungen stammt dieser Brief erst aus dem Ende des 12. Jahrhundert So erhält ein Güterverzeichnis der Abtei Admont aus dem Jahre 1106 ein besonderes Gewicht, in dem es heißt, dass Admont einen Stadelhof zu "Wolfispach" erhält. Es dürfte die erste gesicherte Nennung des Namens Wolfsbach bieten.

Im Jahre 1142 übertrug Bischof Reginbert von Passau dem Stifte Seitenstetten die Pfarre Wolfsbach mit all ihren Filialkirchen, zu denen auch die in Seitenstetten und jene "auf dem Berg des hl. Michael" zählte, die an Oberösterreich heranreichte. Die Großpfarre Wolfsbach schrumpfte allerdings im Verlauf des 13. und 14. Jahrhunderts immer mehr durch Errichtung eigener Pfarreien.

Einer Gepflogenheit des Mittelalters folgend, überließ das Stift Seitenstetten die Seelsorge in den ihm zugehörigen Pfarreien, so auch in Wolfsbach, Weltpriestern. Diese waren dem Bischof in Passau verantwortlich, mussten aber einen Teil ihrer Einkünfte an das Stift abgeben. Dieses System führte nicht selten zu Unstimmigkeiten sowohl zwischen dem Stifte und dem Bischof als ich dem Stifte und den Weltpriesterpfarrern in Wolfsbach. Es ist zu begreifen, dass das Stift durch die volle Inkorporation (Einverleibung) der Pfarre diesem Zustand ein Ende bereiten wollte. Sie gelang ihm auch schließlich 1517 durch päpstliche Genehmigung. Nach dem Tod des Weltpriesterpfarrers Christoph Schabenrüssel (1520) ergriff Abt Andreas von Seitenstetten Besitz von der Kirche in Wolfsbach. Benediktiner aus dem Stift treten immer häufiger als Seelsorger in Wolfsbach auf. Mit Erfolg fördern sie das Werk der Rekatholisierung in der Zeit der Glaubensspaltung. Der letzte Pfarrer von Wolfsbach aus dem Weltpriesterstand, Martin Ainhaiser, starb 1625. Sein Grabstein findet sich in der Vorhalle der Kirche.

Daß es auch nach der Inkorporation gelegentlich zu Spannungen gekommen ist, zeigt eine Beschwerde, die von der Wolfsbacher Pfarrgemeinde 1560 gegen Abt Georg von Seitenstetten bei Kaiser Ferdinand I. erhoben worden ist. Man erhob Einwände dagegen, dass der Pfarrer im Stift wohne und so Wolfsbach zu einer Filiale von Seitenstetten gemacht würde. Zwei aus Wolfsbach stammende Benediktiner von Seitenstetten gelangten zur Abtwürde, beide wurden genötigt, ihr Amt zurückzulegen: Abt Lorenz Alindorfer zu Meilersdorf im Jahre 1419, Johannes II. Wolfspecker im Jahre 1548.

Diesen Wolfsbachern mit tragischen Schicksalen dürfen solche mit freundlichen gegenübergestellt werden: Es sind dies die Brüder P. Leopold und P. Carl Puschl, Söhne des um die Musikpflege in Wolfsbach hochverdienten Johann Puschl, der 65 (!) Jahre in Wolfsbach als Lehrer wirkte. Die Brüder Puschl waren nicht nur ausgezeichnete Professoren und Erzieher am Stiftsgymnasium, sondern genossen auch als Wissenschaftler hohes Ansehen.

An der Kirche von Wolfsbach rühmen Kunstkenner die "wunderschöne Lage", die einen "herrlichen Ausblick auf die Alpenkette" bietet; der Friedhof schließt sie ein. Ihr Ursprung reicht in die Anfänge Wolfsbachs (8. - 9. Jahrhundert) zurück. In der heutigen Gestalt stellt sie ein schlichtes Werk spätgotischer Kunst dar. Ihre Maße sind bescheiden: Länge 26,5 m, Breite zwischen 13,5 m und 6,5 m, Höhe 10,9 m. Eine Urkunde berichtet von der Weihe des Presbyteriums, des Hauptaltares und der Seitenaltäre am 6. Juni 1456. Diese Weihe deutet auf eine wesentliche Veränderung an der Kirche hin, gab es eine Brandkatastrophe? Der barocke Turmhelm wurde 1833 errichtet, die Kirche selbst von 1908 bis 1909 renoviert und dabei regotisiert. Die letzte Sanierung erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Das spätgotische Südportal öffnet den Zugang zum Vorraum, in dem sich 3 rotmarmorne Grabsteine befinden. Der Kirchenraum selbst ist eine breite, dreischiffige Halle, der Grundriss ist annähernd quadratisch, zierliche Steinrippengewölbe überdachen den Kirchenraum. Erwähnenswert sind: eine links neben dem Hauptaltar angebrachte, lebensgroße Holzplastik aus dem 16. Jahrhundert, die Muttergottes mit dem Kind; eine reich bewegte Figurengruppe an einer Säule im rechten Kirchenschiff, die Schmerzensmutter unter dem Gekreuzigten, aus dem 18. Jahrhundert; an der linken Seite des Kirchenschiffes der Grabstein des "Wolfgang von Meielstorff" aus rotem Marmor mit lebensechter Relieffigur von 1501.

Der Pfarrhof wechselte mehrmals seinen Standort, erlitt Schäden durch Kriegseinwirkung und brannte wiederholt ab. Der letzte wurde in größerer Kirchennähe 1953 - 1955 errichtet.

Da Wolfsbach vorwiegend eine bäuerliche Gemeinde ist, muss ein Gang durch seine Geschichte diesem Umstand Rechnung tragen. Ihr Ursprung liegt in der Zeit nach den Awarenkriegen Karls des Großen (um 800), in der alles anbaufähige Land fast lückenlos besiedelt wurde. Einschneidende rechtliche und wirtschaftliche Maßnahmen sind mit dem Landausbau verknüpft. Der Gemeindebesitz und das wechselnde Nutzungsrecht weichen dem Privatbesitz, der sich rasch einbürgert. Dieser hatte die Festsetzung der Parzellengrenzen und die Einführung der Flurnamen zur Folge. Neben Haufendörfern gibt es Einzelhöfe, die Größe der einzelnen Höfe ist verschieden. Die Grundobrigkeit ist meist zersplittert, sodass es für mehrere benachbarte Höfe verschiedene Grundherrschaften gibt. Bis 1150 war der Landesausbau in der Ebene und im Hügelland vollendet, und man kann annehmen, dass um diese Zeit in Wolfsbach alle heute bestehenden Dörfer, Weiler und Einzelhöfe schon besiedelt waren. Das "Historische Ortsnamenbuch von Niederösterreich" führt für die Zeit vom 12. - 14. Jahrhundert lückenlos alle Gehöftnamen an.

Im 13. Jahrhundert bilden die Bauern bereits einen einheitlichen geschlossenen Stand, der eine bestimmte Arbeitsweise und Lebensform und ein eigenes, stark religiös bestimmtes Brauchtum entwickelt hat. Eine Besonderheit wies der Bauer im Bezirk Amstetten auf: Während im übrigen Niederösterreich das Eigentumsrecht an Grund und Boden ein geteiltes war, nämlich das Nutzungsrecht der Bauern und das Obereigentum der Herrschaft, hatten sich bei uns einige wenige Bauern erhalten, die "ungeteilte Eigentümer" ihres Gutes waren und an keine Herrschaft Grundzins zahlten. Als freie Männer waren die meisten dieser Bauern Beisitzer des Ennser Landgerichtes. In Bubendorf gab es deren 3, die Inhaber der Höfe Nr. 1, 2 und 3. Eine feste Lebensordnung regelt schon früh die Arbeit des Werktags und gibt dem Feierabend, dem Sonntag und Feiertag, der Geburt und Taufe, der Hochzeit und dem Tod ihre besondere Prägung, Wert und Würde. Diese bäuerliche Lebensform und Kultur, die sich mit großer Beständigkeit über die Jahrhunderte hinweg erhielten, brachten oft Leistungen zustande, die dem Kunsthandwerk zuzurechnen sind. Das Mostviertler Bauernmuseum der Familie Distelberger vermittelt einen geschlossenen Überblick über Jahrhunderte bäuerliche Kultur. Die Reichhaltigkeit und Gediegenheit dieser Kultur verdankt das Mostviertel seinem speziellen Erzeugnis, dem Most, der guten Absatz fand und Geld ins Haus brachte. Wolfsbach war bekannt wegen seiner gepflegten Obstkulturen.

Nicht gering einzuschätzen ist der besondere Wert der Nachbarschaft. Im Laufe der Zeit hat sich ein Nachbarhilferecht herausgebildet, das in Notsituationen, bei Bränden und Überschwemmungen, in Krankheit und Krieg ebenso verpflichtet wie ein Gesetz.

Das System der Grundherrschaft hatte sich in den langen Jahrhunderten bis zum Ende des Mittelalters eingespielt und wurde durchaus nicht als drückend empfunden. Es wurde umso williger hingenommen, als es den Bauern nicht nur Lasten auferlegte, sondern auch in Katastrophenfällen eine Schutzfunktion ausübte. Erst am Beginn der Neuzeit verschlechterte sich die Lage der Bauern. Der grundbesitzende Adel war gegenüber dem aufstrebenden Bürgertum ins Hintertreffen geraten und suchte sich durch Steigerung der Leistungen der Bauern bei gleichzeitiger Beschneidung oder Aufhebung ihrer Rechte schadlos zu halten. Dies führte zum großen Bauernaufstand von 1596/97 in der unmittelbaren Umgebung von Wolfsbach, der gegen einzelne Grundherren geführt wurde, die unerträgliche neue Lasten aufgeladen hatten. Die Erhebung brach zusammen, die Bauernführer wurden hingerichtet. Vergeblich sucht man nach größeren Aktivitäten der Wolfsbacher Bauern in dieser Zeit. Wohl aber traten sie 1848 in Aktion. Das von der Revolution in Wien eingerichtete Parlament hatte bereits die Bauernbefreiung gesetzlich verankert. Das Stift Seitenstetten dürfte als Grundherrschaft der neugeschaffenen Situation nicht voll Rechnung getragen haben. So zog Matthäus Schadauer, Bauer in Planken, mit zahlreichen Bauern aus Wolfsbach und Umgebung vor dem Stift auf. Zwischen dem Abt Joseph Gündl und den Bauern kam es zu keiner Einigung, sodass man schließlich zur Gewalt schritt. Ortmayr-Decker nehmen dazu in ihrem Buch "Das Benediktinerstift Seitenstetten" auf Seite 311 Stellung: "...Mit Rücksicht auf seine erschütterte Gesundheit, die besonders 1848 durch das Eindringen einer wilden Bauernrotte in die äbtlichen Gemächer schwer gelitten hatte, entschloss sich Abt Joseph, am 12. Juli 1851 seine Bürde niederzulegen".

Glaubensstreit und Türkennot:
Welche Auswirkungen hatten Glaubensstreit und Türkennot auf meine Heimat? Die Welle des Protestantismus wurde auch nach Österreich gespült und drohte die Einheit der Kirche zu sprengen; dazu kam die Gefahr von den Türken her, die damals unter Suleiman II. auf dem Höhepunkt ihrer Macht standen.

Nach Schweickhardt ("Darstellung des Erzherzogtums unter der Enns") hat sich die Pfarre Wolfsbach vom Protestantismus immer rein gehalten. Gelegentlich war man im Interesse der Seelsorge auch zu Konzessionen bereit: 1566 saß nämlich in Wolfsbach als Pfarrer ein ehemaliger Konventual des Stiftes, Johannes, mit Weib und Kind. Nähere Auskünfte über diese Zeit fehlen. Dies hat wohl seinen Grund darin, dass der Pfarrhof von Wolfsbach 1639 durch Feuer völlig zerstört wurde. Von diesem Jahr ab liegen Matriken lückenlos vor.

Das Schicksal des Abtes Johannes III. Wolfspecker, der in dieser aufgewühlten Zeit nur ein Jahr (1547 - 1548) dem Stifte vorstand, mag als charakteristisch für die Situation gelten, vor die sich manche Klöster gestellt sahen. Der abgesetzte Prälat, der in einem Jahr Aufstieg und Fall erlebt hatte, schied noch im gleichen Jahr aus dem Leben.

Die Erneuerung des katholischen Glaubens trug im 18. Jahrhundert auch in Wolfsbach ihre Früchte. 21 jährliche Wallfahrten, die ein Bericht aus dem Jahre 1771 anführt, sind ein beredtes Zeugnis dafür. In punkto Wallfahrtseifer sind sich übrigens die Wolfsbacher bis heute treu geblieben.

Die barocke Kunst fand in dieser Zeit in der schönen Kircheneinrichtung ihren Niederschlag.

Das 16. und 17. Jahrhundert waren durch wiederholte Einfälle der Türken für unsere Heimat eine Zeit schwerster Bedrängnisse. Der Aufmarsch der Türen vor Wien 1529 erfolgte in riesiger Stärke und bedrohte Österreich südlich der bis an die Enns. Die leicht bewaffnete türkische Reiterei, Akindschi oder "Brenner und Senger" genannt, zog unter ihrem Anführer Mihal Oglu in drei Abteilungen, jede ungefähr 10.000 Mann stark, südlich der Donau gegen Westen und überflutete Wolfsbach und Umgebung in den ersten Oktobertagen. Eine Rotte von Türken äscherte den Pfarrhof ein, doch sind von ihr sonst keine größeren Schäden angerichtet worden.


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