Donnerstag, 22. Dezember 2011

Die Gemeinde Sankt Georgen am Ybbsfelde

Nr. 51 - 1. Juli 1976 - 5. Jahrgang

Die Gemeinde Sankt Georgen am Ybbsfelde
(VD Heinrich Sattler, V0l. Emmma Helmreich, Geistl. Rat Josef Lammerhuber)

St. Georgen am Ybbsfelde umfasst 22,87 km² und zählt derzeit 1780 Einwohner in 375 Häusern. Es liegt im westlichen Niederösterreich, südlich der Donau, an den Ausläufern der aus Granit und Gneis aufgebauten "Böhmischen Masse" (Neustadtler Platte, Granitsteinbruch in Triesenegg) und am Beginn des Voralpenlandes.

Der wirtschaftliche Pol des Ortes ist die Molkerei (seit 1.1.1974 ein Zweigbetrieb der MIRIMI St. Pölten). Sie beschäftigt eine Anzahl der Ortsbewohner. Jedoch nicht nur von diesem Betrieb alleine geht alle wirtschaftliche Initiative des Ortes aus, sondern er besitzt auch sonst verschiedenst gelagerte Arbeitsstätten. Angefangen von der Betondeckenerzeugung bis zur Großnäherei findet ein reges Wirtschaftsleben statt. Zur Gemeinde zählen außer der KG St. Georgen noch die Katastralgemeinden Hermannsdorf, Krahof und Leutzmannsdorf mit vorwiegend agrarischem Charakter. In Leutzmannsdorf befindet sich ein Sportflugplatz, dessen Frequenz andauernd steigt.

Die Pfarrkirche, dem heiligen Georg geweiht, ist vom Friedhof umgeben und wird von einigen Häusern, der neuerbauten Schule und dem Pfarrhof mit dem Kulturzentrum (Pfarrheim) umschlossen. Die dreischiffige Kirche ist spätgotischen Stils. Der mächtig vorgelagerte Westturm deutet vielleicht auf eine ältere Anlage hin. Die innere Ausschmückung ist vorwiegend neugotisch.

Der Ort wird urkundlich 1230 (im Babenberger Urbar) genannt, die Kirche 1337, die Pfarre 1368 (Jahrtagsstiftung der Brüder Friedrich und Reinprecht von Wallsee) und 1376 (Stiftung der Pfarrgemeinde für einen zweiten Priester). Schon um 1200 wird hierorts der erste Seelsorger (plebanus de Sancto Georgio = Leutpriester von St. Georgen) erwähnt.

Das Pfarrvikariat entstand vermutlich um 1300 und wird im Pfarrverzeichnis des 14. Jahrhunderts genannt. Im Jahre 1783 wurde die neuerrichtete Pfarre Blindenmarkt abgetrennt, im gleichen Jahre hat man einige Seisenegger Häuser von der Pfarre Viehdorf in die Pfarre St. Georgen umgepfarrt. Die Mutterkirche von St. Georgen war Amstetten.

St.Georgen kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Eine Grabstätte mit Notenkopfkeramik und Lochbeilfunde im Ortsgebiet deuten auf eine Besiedlung in frühester Zeit hin. Unterhalb der heutigen Kirche führte die römische Limesstraße vorbei. Auf dem Kirchberg befand sich einst wohl eine Wehranlage. Es dürfte dies der "Averhilteburchstal" gewesen sein, den Gunther, der spätere Bischof von Bamberg, 1055 vom Kaiser erhielt. Er errichtete dort eine St. Georgskapelle. Zur Zeit der Kreuzzüge wurde der Struden umgangen, und man zog zu Lande über das Ybbsfeld; so Konrad III. mit 70.000 gepanzerten Rittern, desgleichen Barbarossa um 1189.

Bedeutende Kriegsschäden erlitten die Bewohner von St. Georgen um 1529 und 1683 durch die Türken. Einige tausend Tataren zogen in kleineren Haufen durch das Land, am rechten Donauufer aufwärts, über Neumarkt/Ybbs gegen Amstetten und sollen in furchtbarer Weise gehaust haben. In St. Georgen wurde die Bäuerin des Gstadtmoarhofes in Allersdorf von den Tataren ermordet. Daran erinnert ein Türkenkreuz am Friedhofseingang. Steuerbriefe aus der Türkenzeit im Seisenegger Archiv zeugen von der schweren finanziellen Belastung der Bevölkerung.

Im 16. Jahrhundert war St. Georgen eine Hochburg des Protestantismus mit sechs protestantischen Prädikanten. Sehr groß war der Einfluss der protestantischen Herrschaftsinhaber von SEISENEGG, den sie unter dem Vorwand der vielfach angemaßten Vogtei ausübten. Ihr Einfluss machte sich im ganzen Gebiet zwischen Ardagger und Amstetten geltend. 1603 wurde hierorts der letzte protestantische Pfarrer vertrieben.

Während des 30-jährigen Krieges kam St. Georgen - außer wiederholter Einquartierungen kaiserlicher Truppen - glücklicherweise in keine Berührung mit den streifenden Feindscharen. Aber 1741 fielen die bayerischen Truppen und die Franzosen bei uns ein, die über Wallsee, St. Georgen, Neuarkt/Ybbs und Melk/Donau in das Tullnerfeld abrückten, wobei jedes Mal geplündert und gebrandschatzt wurde. Schwer litt die Bevölkerung in den napoleonischen Kriegen durch Abgaben, Einquartierungen und Durchzüge feindlicher Heere.

Obwohl unsere engere Heimat nicht unmittelbar vom 1. Weltkrieg betroffen wurde, so musste doch die Bevölkerung die Auswirkungen ertragen. Um die zahlreichen Kriegsgefangenen unterbringen zu können, entstanden viele Gefangenenlager. Eines der größten in unserem Bezirk war das Lager "HART" östlich von Amstetten, im Gemeindegebiet von St. Georgen. Zunächst waren hier Russen, später Italiener untergebracht. Im Friedhof beim ehemaligen Lager liegen über 1700 Russen begraben. Bei Kriegsende erlangte das Harter Lager traurige Berühmtheit, da es vollständig zusammenbrach. Die hungernde Bevölkerung versuchte es nun zu plündern, und nur die kriegsgefangenen italienischen Mannschaften und Offiziere schützten es, bis die Amstettner Volkswehr den Schutz übernahm.

Ganz anders als im 1. Weltkrieg wurde unser Gebiet im 2. Weltkrieg heimgesucht. Diesmal blieben St. Georgen und seine Bevölkerung nicht vom Krieg verschont. Ein besonderes Übel bildeten die Bomben- und Tieffliegerangriffe. Sechs Tote forderte ein Angriff auf Matzendorf und Hart in unserer Gemeinde.
Gleichzeitig mit den zurückflutenden deutschen Truppen gegen Ende des Krieges drang von Osten her die Rote Armee in den Bezirk Amstetten ein und verschonte natürlich auch unser Gebiet nicht. Abgesehen von Panzereinschüssen am alten Schulgebäude ist die Höhe des Schadens, der in den ersten Monaten der Besetzung durch Plünderungen von Vieh, Hausrat, Schmuck unter anderem angerichtet wurde, nicht mehr zu ermitteln.

Dynastien und Herrschaften sind gekommen und vergangen, ohne dass sich an Land und Leuten viel verändert hat. Die Folgen von Kriegen und Seuchen waren in wenigen Jahren überwunden. Aber jeder Acker, der von den ersten Siedlern urbar gemacht worden ist, ist heute noch Acker. Auch die fleißige gewerbliche Tätigkeit der Bevölkerung fand ihre Anerkennung: Mit Landesgesetz vom 8.4.1976, LGBl. 1259-0, wurde St. Georgen am Ybbsfelde zur Marktgemeinde erhoben. Die feierliche Urkundenüberreichung findet am 11.7.1976 statt.


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