Sonntag, 25. Dezember 2011

Wie ich als Bub in Amstetten das Ende des 2. Weltkrieges erlebte

Nr. 109 - 1. Mai 1981 - 10. Jahrgang

Wie ich als Bub in Amstetten das Ende des 2. Weltkrieges erlebte
(verfasst von Adolf Raffetseder)

Nach einem letzten Versuch der Deutschen, um St. Pölten "Front" zu machen, stießen die Spitzen der russischen Armee, von Osten kommend, in den Raum Amstetten vor, während von Westen her amerikanische Streitkräfte die Enns überschritten, um sich mit dem russischen Alliierten zu vereinigen.

Ich selbst - damals knappe sechs Jahre alt - war mir dieser Ereignisse sowie ihrer Bedeutung nicht bewusst. Nur die ernsten und nachdenklichen Gesichter der Erwachsenen ließen etwas von der Sorge um die Zukunft ahnen, die sie bedrückte.

Seit den frühen Morgenstunden hörte man Detonationen. Die flüchtenden deutschen Soldaten sprengten ihre Munitionslager. "Geh ja nicht aus dem Haus!" war eine Ermahnung, die ich andauernd zu hören bekam. Doch in einem günstigen Augenblick entschlüpfte ich mit meinem vierzehnjährigen Bruder, der voll Neugierde und Tatendrang sich ein wenig umsehen wollte. Die Ardaggerstraße war nur wenig belebt: ein paar Leute, die versuchten, ihr Ziel mit raschen Schritten zu erreichen; ein versprengter Soldat, der wie besessen in die Pedale eines Fahrrades trat und wohl trachtete, die Donau zu erreichen.

Wir gingen stadteinwärts. Beim Gasthaus Kickinger hatte sich eine kleine Menschenmenge angesammelt, die auf etwas zu warten schien. Es hatte sich nämlich die Kunde verbreitet, dass ein Voraustrupp der Amerikaner bereits in Sicht wäre und wir somit von diesen besetzt werden würden. Nachdem wir uns zu der Menge gesellt und nur kurze Zeit gewartet hatten, wurden wir Zeuge des Eintreffens der Amerikaner in Amstetten. Vorweg kamen Panzer, dann Jeeps sowie sonstige Fahrzeuge mit fremden Soldaten in braunen Uniformen, die uns zum Teil zulachten und zuwinkten. Ein älterer Mann versuchte, sich bei den Neuankömmlingen verständlich zu machen. Nach einigem Her und Hin schien er das in Erfahrung gebracht zu haben, was er zu wissen wünschte, und er verkündete enttäuscht, dass die Amerikaner nicht hierbleiben würden, sondern wieder bis zur Enns zurückgehen und uns den Russen überlassen müssten. Den meisten der Anwesenden schien dies nicht zu gefallen, sie machten betretene Gesichter.

Mein Bruder nahm mich an der Hand und drängte mich aus der Menge. Er hatte genug gehört und gesehen, und wir strebten wieder unserem Zuhause in der Ardaggerstraße zu, um die Neuigkeiten weiterzugeben. Ein Schulfreund meines Bruders kreuzte unseren Weg, ließ sich von meinem Bruder informieren und wusste ebenfalls etwas zu berichten; das im Gymnasium untergebrachte Soldatenlazarett sei geräumt worden und sei vollkommen verlassen. Er möge doch mit ihm kommen, damit sie sich gemeinsam etwas umsehen könnten. Mein Bruder sagte zu, wollte mich aber zuerst daheim noch abliefern. Er schob mich bei der Haustüre hinein und trug mir auf, unserer Mutter zu sagen, dass er bei seinem Freund sei und sie sich nicht zu sorgen brauche. Ich stand eine Weile im Stiegenhaus, anstatt jedoch nach oben zu gehen, verließ ich dieses wieder und lief meinem Bruder nach, den ich bereits in einiger Entfernung mit seinem Kameraden gehen sah. Bis ich die beiden eingeholt hatte, waren wir ihrem Ziele näher, als es zu uns nach Hause gewesen wäre. So nahm er mich einfach mit.

Wir betraten zu dritt das als Lazarett verwendete Gebäude, durchstreiften verschiedene Zimmer, wo wahllos Waffen verschiedenster Art herumlagen, verloren aber bald den Freund meines Bruders aus den Augen, da mein Bruder vollauf beschäftigt war, mich von diesem oder jenem abzuhalten. Nachdem er gerade verhindert hatte, mich einer an der Wand lehnenden Maschinenpistole zu nähern oder einen der zahlreich herumlehnenden Karabiner anzugreifen, übersah er schließlich doch für einen Augenblick die auf einem Bett liegenden, eierförmigen Dinger. Ein Griff, und ich hatte eines in der Hand und begann, mich mit einem daran befindlichen Bolzen zu beschäftigen. Gerade noch rechtzeitig erfasste mein Bruder die Situation, riss mir die Eierhandgranate, die ich unbewusst gezündet hatte, aus der Hand und warf sie in die entfernteste Zimmerecke. -

Als ich erwachte, fand ich mich im Krankenhaus wieder. Die Splitter der explodierenden Granate hatten mir eine schwere Kopfverletzung zugefügt, und ich hatte noch vor der Operation die letzte Ölung bekommen. Mein Bruder war lediglich von der Druckwelle zu Boden geschleudert worden, sonst aber völlig unverletzt geblieben. Schuldbewusst stand er an meinem Bett und rang sichtlich mit den Tränen, obwohl er uns doch durch sein rasches Eingreifen vor dem Schlimmsten bewahrt hatte.

Wie mir aus späteren Erzählungen bekannt wurde, hatte es in mittel- und unmittelbarem Zusammenhang mit meinem Unglück aber auch noch andere aufregende Ereignisse gegeben. So war das Rettungsauto, das mich ins Krankenhaus bringen sollte, in die erste Welle eines Tieffliegerangriffes auf Amstetten geraten, worauf der Fahrer anhielt und das Auto verließ, um vor dem einsetzenden Geschoßhagel Schutz zu suchen. Jener Mann, der die Rettung für mich angefordert hatte und den Transport begleitete, war sich bewusst, dass keine Zeit zu verlieren und jede Minute kostbar war. Er trug mich den Rest des Weges bis ins Spital, wo ich sofort operiert wurde und einen ganzen Tag vollkommen bewusstlos lag. Indessen hatte ein Tieffliegerangriff der Russen, der der abziehenden deutschen Armee galt, Tote, vor allem aber zahlreiche Verletzte unter der Bevölkerung sowie den anwesenden Amerikanern gefordert; auch der Kilianbrunnen ging in Trümmer. Die Russen hatten die in Amstetten eingerückten Amerikaner für Angehörige der deutschen Armee gehalten und angegriffen!

Ich selbst aber verdankte mein Leben zum ersten der Tatsache, dass ein Mann mich auf seinen Händen ins Krankenhaus trug, als ich ohne Hilfe im verlassenen Rettungsauto zu verbluten drohte, zum zweiten den Umstand, dass ich zur Operation kam, ehe die große Zahl der Schwerverwundeten des erwähnten Fliegerangriffes eingeliefert wurden, von denen vielen nicht mehr rechtzeitig geholfen werden konnte.

Der Tag, an dem all dies passierte, war der 8. Mai 1945, jener Tag, an dem die deutsche Armeeführung die Kapitulation unterzeichnet hat und am Nachmittag die russischen Besatzungstruppen in Amstetten einzogen.



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