Donnerstag, 22. Dezember 2011

Die Marktgemeinde Neuhofen an der Ybbs

Nr. 57 - 1. Jänner 1977 - 6 .Jahrgang

Die Marktgemeinde Neuhofen an der Ybbs 
von Volksschuldirektor Franz Panstingl

Neuhofen liegt zwar etwas abseits, ungefähr 8 km südlich von Amstetten am Rande der Voralpen. Doch hat gerade das Babenberger-Gedenkjahr 1976 die allgemeine Aufmerksamkeit wieder mehr auf diesen alten Markt gelenkt. Bekanntlich wird ja der Name Ostarrichi erstmals in einer Urkunde des Jahres 996 speziell auf das heutige Österreich angewandt, durch die Kaiser Otto III. dem Bistum Freising einen Hof und 30 Königshufen in Niuuanhova, dem heutigen Neuhofen, schenkte. Das hat Neuhofen den Namen "Ostarrichi-Gemeinde" und dem Bezirk Amstetten den stolzen Namen der Wiege Österreichs eingetragen. Deshalb wurde auch in Neuhofen am 26. Oktober 1976 der Grundstein zu einer Ostarrichi-Gedenkstätte gelegt. Die Ostarrichi-Urkunde hängt ja enge mit der Entstehung Neuhofens zusammen:

Durch die kraftvolle Hand der Babenberger waren die Ungarn gegen Ende des 10. Jahrhunderts schon so weit zurückgedrängt, dass ein weiterer Einfall ins westliche Niederösterreich nicht mehr zu fürchten war. Das lockte viele bairische Siedler in diese Gegend. Auch das Bistum Freising wollte dabei nicht leer ausgehen und setzte sich am Rande der alten Salzburger Pfarre Winklarn fest. 995 erhielt es durch Tausch sechs Königshufen in Ulmerfeld. Ein Jahr darauf ließ er sich vom Kaiser in unmittelbarer Nachbarschaft den "Neuen Hof" samt 30 Königshufen schenken. Unter den Königshufen haben wir aber nicht ausgebaute Höfe zu verstehen, sondern Grundstücke von etwa 33 ha je Königshufe, auf denen dann Freisinger Siedler stattliche Bauernhöfe errichten konnten. Diese große Grundschenkung des Kaisers war der Ausgangspunkt für die Freisinger Herrschaft in Ybbstal, die bis 1803 bestand.

Auch Neuhofen wurde von Freising systematisch ausgebaut. Ein Güterverzeichnis um 1160 spricht bereits von einer Ortschaft Neuhofen. Durch einen Tausch mit der Diözese Passau gelang es Freising zwischen 1210 und 1240, sein Herrschaftsgebiet um Neuhofen samt Zehentabgaben aus dem passauischen Pfarrsprengel Amstetten herauszulösen. Damals bestand bereits die Kirche in Neuhofen. Ihrer Pfarre unterstanden auch Ulmerfeld, Euratsfeld und St. Leonhard am Walde. Durch viele Schenkungen kamen Kirche und Pfarre Neuhofen seit dem 14. Jahrhundert auch zu einer beachtlichen Grundherrschaft. Ihre Untertanen entrichteten nun zwar die Abgaben nicht mehr an die freisingische Herrschaft Ulmerfeld, doch stimmte Freising solchen Schenkungen gerne zu, weil sich dadurch die Pfarre Neuhofen immer mehr selbst erhalten konnte. Um 1350 war sie schon so bedeutend, dass die päpstliche Kurie ihre Verleihung an sich zog.

Nun könnte man auch die Pfarrkirche weiter ausbauen. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde zunächst an das alte romanische oder frühgotische Kirchenschiff ein neuer Altarraum mit Kreuzrippengewölbe angebaut. Bis 1466 wurde dann auch das Langhaus zu einer dreischiffigen spätgotischen Hallenkirche mit einem reichen und vorzüglich durchkonstruierten Netzrippengewölbe umgebaut. Zu diesem Bau trugen jedenfalls auch die adeligen Familien des Pfarrgebietes bei. Ein Schlussstein des Gewölbes zeigt noch deutlich das kreisförmige Wappen der Häsib, die wohl die bedeutendsten Ritter Neuhofens waren und auf Hag(berg) saßen.

Die Buchstaben L.H. deuten auf den Ritter Lienhart Häsib. Auch der Ort nimmt im Mittelalter einen bedeutenden Aufschwung und erhält spätestens durch Kaiser Maximilian I. das Marktrecht.

Bald aber setzten Rückschläge ein: 1529 brannten die Türken Neuhofen nieder. Inzwischen war die Herrschaft Hagberg an die Familie der Geyer gekommen. Diese waren glühende Anhänger der Lehre Luthers. So verbreitete sich auch in Neuhofen das Luthertum und wurde erst in 17. Jahrhundert überwunden. Auch am Bauernaufstand 1596/1597 nahmen viele Neuhofner, geführt von ihren radikalen Schulmeister Georg Steinhauer, teil. Im 17. Jahrhundert wütete mehrmals die Pest in der Gegend. 1683 drangen abermals türkische Streifscharen bis Neuhofen vor, töteten 14 Personen und verschleppten bei hundert Personen aus der Gegend.
Über dieses Türkenunglück besitzen wir noch einen anschaulichen Bericht des damaligen Schulmeisters Ferdinand Michael Pfeiffer. Er begründete in Neuhofen eine sehr begabte Musikerdynastie, die dort bis 1809 die Schule leitete und den Organistendiest versah. Aus dieser Familie stammen auch Franz Josef Pfeiffer, Organist in Maria Taferl und ein sehr fruchtbarer Komponist (um 1770), und der Seitenstettner Organist Josef Anton Pfeiffer, bei dem sogar Anton Bruckner eine Orgelprüfung ablegte.

Die katholische Erneuerung des 17. Jahrhunderts brachte aber nicht nur eine neue Pflege der Kirchenmusik, sondern auch eine schöne barocke Ausstattung der Pfarrkirche, die freilich der Regotisierungswelle des 19. Jahrhunderts fast ganz zum Opfer fiel. Hingegen ist die vorzügliche barocke Ausstattung der Filialkirche St. Veit in Toberstetten, die seit 1435 nachweisbar ist und bald nach 1700 barock umgebaut wurde, noch vorhanden. Auch eine Rosenkranzbruderschaft förderte im 18. Jahrhundert sehr das religiöse Leben.

Das 19. Jahrhundert begann gleich mit drei Franzoseneinfällen, zerriss die noch immer bestehende Verbindung mit Freising und brachte die Pfarre durch die Auflösung ihrer Grundherrschaft (1850) um einen Großteil ihrer Einkünfte. Die Leiden der beiden Weltkriege und die Sorgen der Zwischenkriegszeit sind vielen heute noch eine sehr persönliche Erinnerung.

Das Ostarrichijahr 1946 machte aber erstmals die Öffentlichkeit auf Neuhofen aufmerksam. Seither nimmt der Fremdenverkehr in dem anmutig gelegenen Ort einen ungeahnten Aufschwung. 1973 wurden 20.000 Nächtigungen gezählt, davon 3700 Ausländernächtigungen. Dies ist umso wertvoller, als das bisher fast rein bäuerliche Neuhofen keinen Industriebetrieb besitzt. Von den rund 2.000 Einwohnern der heutigen Marktgemeinde, zu der seit 1971 auch die Gemeinde Kornberg gehört, müssen ohnehin 450 Arbeitnehmer in den umliegenden Industriebetrieben arbeiten, und nur etwa 50 finden im eigenen Ort Beschäftigung.

Trotzdem ist Neuhofen ein sehr aufstrebender Ort:
An die 100 Häuser wurden seit 1945 gebaut, 1972 eine Hauptschule erbaut und ein Kindergarten eingerichtet. Auch ein Sportplatz und eine Turnhalle wurden geschaffen. Die Trachtenkapelle Ostarrichi und das Katholische Bildungswerk pflegen das kulturelle Leben. Die renovierte Kirche und das verschönerte Ortsbild machen heute Neuhofen zu einem freundlichen Ort in einer von der industriellen Umwälzung noch kaum berührten ländlichen Umgebung, zu einem Stück vorn alten Österreich in einer neuen Zeit.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen