Donnerstag, 22. Dezember 2011

Getreidebau und -schnitt im Mostviertel zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Nr. 52 - 1. August 1976 - 5. Jahrgang

Getreidebau und -schnitt im Mostviertel zu Beginn des 20. Jhdt.
(verfasst von Ob. Insp. Hans Hintermayr, Kustos des Mostviertelmuseums in Stadt Haag)

Der Roggen - früher sagte man hierzulande "Korn" - wurde teilweise im vorigen Jahrhundert, auch noch vereinzelt zwischen 1910 - 1920, sehr oft auf das Brachfeld ("Ruhrland"), dann aber immer häufiger auf das unmittelbar vorher abgeerntete Erdäpfelfeld ("Erpfifeld") angebaut, und zwar in der zweiten Septemberhälfte, jedoch bis spätestens zum "Michaelitag".

Der Säer verwendete zum Anbauen den "Saasumper". Es handelt sich dabei um einen aus Roggenstroh und mit gespaltener Felberweide gebundenen Korb. Der Saasumper war ähnlich einer nierenförmigen Wanne und hatte ein Volumen von rund 20 Liter. Er wurde gefertigt wie die Brotsimperl, Bienenkörbe und Löschwassereimer. Dieser Korb schmiegte sich durch seine relativ weiche und mondsichelartige Form gut an die linke Hüfte des Säers an. Der Gurt, mit dem er den Korb trug, war ca. 5cm breit und handgewebt. Man verwendete auch statt eines Gurtes einen verstellbaren Lederriemen. Den Traggurt (Tragband) oder den Tragriemen legte man über den Kopf auf die rechte Schulter, quer über Brust und Rücken und hängte den Gurt linksseitig mit einem Ring in den Säekorbhaken ein. Mit der linken Hand hielt der Säer den Korb- am außen angeflochtenen Griff, und mit der rechten Hand verlief- das Säen ähnlich wie mit einem Säetuch. Der Vorteil des Saasumpers gegenüber dem Säetuch liegt beim Nachfüllen. Der Säer brauchte nur den Korb beim Gurtenring auszuhängen, ihn zu Boden zu stellen und zu füllen, um ihn wieder mühelos an sich nehmen zu können. Pro Joch brauchte man 80 bis 100 kg Saatkorn.

Nach dem Säen wurde die Saat eingeeggt. Die Eggen haben Rinder oder Pferde gezogen. Der Roggen wurde mit der Egge ("Ägn") sozusagen nur "eing'streift"‚ das heißt nur in der Längsrichtung. "'S Korn vaeggt ma glei" , es soll nicht zu tief in den Boden kommen. Hierzu galt auch die Aussage: "Das Korn will in Himmel sehn!". Beim Weizenbau wurde nach beiden Richtungen (Längs- und Breitseite, man sagte auch "kreuz und quer" - doch stammt dies von der ursprünglichen Brachfeldbearbeitung -) eingeeggt. "Da Woaz muaß ereggt wern" sagt aus, er muss tief in den Boden gelangen.

Im Voralpengebiet z. B. in der Kürnberger-Gegend, da sollte das Roggenfeld zu St. Michael (29 September) schon "rot" sein; deshalb, dass der Roggen vor einem eventuellen frühen Wintereinbruch noch richtig anwachsen konnte. Es ist ja bekannt, dass der Roggen rot aufgeht bzw. sich die Keimlinge für kurze Zeit zu zarten roten Blättern entfalten. Auf die Frage nach der Ursache dieser Farbe wusste der Bauer zu antworten "Weil Kain seinen Bruder Abel auf einem Kornfeld erschlagen hat" ..... das Blut wirkt hier zeichenhaft durch alle Zeiten!

Beim Roggenanbau war man sehr besorgt, dass er in eine trockene Erde gelangte. So wartete man trockene Tag ab, und dies hatte zur Folge, dass nach dem Eggen große Schollen hinterblieben. Diese Schollen wurden vor dem Säen mit einem Schollenschlögl zerschlagen. Manchmal arbeiteten gleich drei, vier oder mehr Personen auf dem Feld mit den Schlög'ln Diese weniger interessante Feldarbeit wurde durch die eine gute Roggenernte versprechende Aussage: "Große Scholl'n - große Loab Brot" in eine gewisse Vorfreude gemünzt.

Für den Roggen- und Weizenbau wissen auch heute noch die jungen Bauern den Spruch ihrer Väter: "'S Korn in die Molt'n, d'Woaz ins Lackerl!" (Den Roggen in den trockenen, den Weizen in den feuchten Acker.) Für den Weizenanbau wurde gewöhnlich der Kleeland-Acker bevorzugt Dieser Acker musste mit Stallmist ausgiebig gedüngt werden, da der Klee als vorherige Frucht dem Acker viel Nährstoffe entzogen hatte. Außerdem braucht der Weizen einen besonders guten Nährboden.

Die Anbauzeit für den Weizen ist nach wie vor um die Mitte des Oktobermonats. In Zeiten, als man noch keine Traktoren hatte, zählte das Kleelandackern für die Zugtiere (Ochsen und Pferde) zu den stärksten Ackerarbeiten. Deshalb und weil die Weizensaat feuchten Boden bevorzugt, hat man bei einer trockenen Zeit bis zum Regen zugewartet. Dieses Zuwarten hatte aber manchmal die Folge, dass man mit dem Weizenanbau in die Novembertage geriet. Mir berichtete ein Bauer, dass sein Vater deshalb erst einmal am Altjahrstag Weizen baute (natürlich eine Seltenheit).

Für die Beurteilung der Entwicklung des Roggens im Frühjahr galt es als gutes Omen, wenn im Roggenfeld sich "zu Georgi a Kran und zu Philippi a Mann verstecka kann". Ende Juni, zu Peter und Paul, dachte man bereits an die herannahende Schnittzeit.

Denn der "Peterstag stößt dem Korn die Wurzel ab", und eine Woche später klang es durch aller Mund: "Zu Kilian, schneit jedermann", oder auch: "Kilian führt die Schnitter an!".

Um die Jahrhundertwende hat man Roggen und Weizen durchwegs mit der Sense (Grassense mit Mahdrute) geschnitten. Durch die Mahdrute wurde bei "stehendem" Getreide vorgebeugt, dass die Halme bzw. die Mahd über den Sengstkorb fiel; bei liegendem Getreide brauchte man diesen Sensenzusatz nicht. Vereinzelt wurde das Brotgetreide noch bis zum Ersten Weltkrieg mit der Sichel geschnitten. Zusätzliche Helfer kamen als "Mandlschnitter" aus dem Land drüber der Donau aus dem Mühl- und Waldviertel. Die Mahd wurde mit der Sichel zu Garben genommen (auf'gschobelt), dann seitwärts auf die bereitliegenden Garbenbandln gelegt. Das Binden der Garben war mehr eine richtige Männerarbeit, während das "Aufschobeln" - sofern es vom eigenen Hauspersonal bewältigt wurde - eine ausgesprochene Frauenarbeit war. Vor dem Abend wurden die Garben zu "Mandeln" in Reih und Glied gestellt.

Ein "Mandl" bestand entweder aus acht oder aus sechs Garben ("Achtermandl" überwiegend beim Roggen, es gab aber auch bei beiden Getreidearten "Sechsermandln"). Der vorläufige Bruttoertrag eines Getreidefeldes wurde nach der Zahl der "Schöber" bewertet. Ein Schober entsprach 60 Garben. Von einem Joch Roggenfeld konnte der Bauer zwischen 15 - 25 Schöber ernten. Der Reinertrag lag zwischen 1000 kg bis 1400 kg pro Joch.


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