Sonntag, 15. Juni 2014

Gemeinde Wolfsbach (Teil 3)

Nr. 69 – 1. Jänner 1978 – 7. Jahrgang

Gemeinde Wolfsbach (Teil 3)

(Verfasst von Oberstudienrat Dr. Rosine Schadauer)

Anton Schwetter veröffentlichte etwa ein halbes Jahrhundert  später, 1884, seinen Bericht über Wolfsbach. Mit Schweickhardt hat er gemeinsam die statistische Erfassung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse und die liebevolle Beschreibung der Landschaftsformen. Schwetter weist darauf hin, dass die Bewohner „mit Ausnahme einiger Handwerker durchaus Landbauern sind, welche Feldbau, eine vorzügliche Obst- und Viehzucht treiben“. Ferner vermerkt er: „Das hier gebaute Korn ist als Samenkorn unter dem Namen Wolfsbacher Korn ein gesuchter Handelsartikel“.

Die folgende statistische Erhebung Schwetters unterscheidet sich von der Schweickhardts dadurch, dass sie die Berufe außer acht lässt, dafür bietet sie Angaben über „Flächeninhalt“, Wohnparteien (Familien?), Ziegen und Bienenstöcke. Die Pferde haben an Zahl seit Schweickhardt um fast 100 (303-392) zugenommen, dafür scheinen die Ochsen, die vielfach als Zugtiere verwendet worden waren, nicht mehr auf.


Wolfsbach
Meilersdorf
Bubendorf
Summe
Flächeninhalt
975 ha
1002 ha
1114 ha
2091 ha





Häuser
99
99
97
295
Einwohner
631
572
617
1819
Männlich
334
290
312
936
Weiblich
297
281
305
883
Wohnparteien
129
110
110
349





Pferde
130
156
106
392
Rinder
672
723
687
2082
Ziegen
17
20
31
68
Schafe
102
69
95
266
Borstentiere (Schweine)
384
386
541
1311
Bienenstöcke
28
28
52
108

Zwischen den beiden Darstellungen waren tiefgreifende Änderungen im wirtschaftlichen und sozialen Gefüge Österreichs eingetreten: Die Bauernbefreiung war 1848 durchgeführt worden. Die 1858 eröffnete Westbahn grenzt im Süden Wolfsbach gegen Seitenstetten ab, und im Gefolge der industriellen Revolution hatten die ersten Maschinen ihren Einzug in den Bauernhof gehalten.

Neue soziale Probleme traten an die Stelle der alten. Die Fabriken zogen Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft ab. Der aufkommende Kapitalismus machte das Geld stärker als bisher zum Wertmaßstab für Wohlstand und soziales Prestige. Das finanziell schwache Bauerntum sah sich vor neue Schwierigkeiten gestellt. ES bemühte sich daher um eine Anhebung der Erzeugung und der Preise für seine Produkte. Diesem Bemühen stand hemmend gegenüber die drückende Konkurrenz des landwirtschaftlichen Exports aus Ungarn.

Die Bauernbefreiung hatte auch ihre negativen Auswirkungen. Mit der Grundherrschaft war auch eine Schutzfunktion verbunden gewesen, die sich in Katastrophenfällen, wie Brand, Viehsuchen, Hagelschlag, bewährt hatte. Diese Funktion war nun erloschen, und neue Einrichtungen waren noch nicht an ihre Stelle getreten. So wird verständlich, dass gerade in der Zeit nach 1848 auffallend viele Bauern ihre Höfe verlassen mussten.

Eine Verbesserung dieser Situation trat erst ein, als sich die Bauern politisch im Bauernbund organisierten, Genossenschaften für den Absatz der landwirtschaftlichen Produkte sorgten und Raiffeisenkassen Geld zu erschwinglichen Zinsen zur Verfügung stellten. In Wolfsbach wurde 1889 die Raiffeisenkasse unter dem Obmann Johann Schadauer, Bürgermeister von Meilersdorf, gegründet. Ein immer mehr sich ausdehnendes Versicherungswesen schuf Abhilfe in Katastrophenfällen.

Ursprung und Entwicklung des Schulwesens, Musikpflege

Schon 1700 existierte eine einklassige Schule in Wolfsbach. Der Zeitpunkt ihrer Entstehung ist nicht näher bekannt. Die Schulpflicht war noch nicht gesetzlich verankert. Dass die zunächst einklassige Schule schon 1735 vergrößert wurde, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass immer mehr Eltern vom Bildungsangebot Gebraucht machten.

Zwischen 1770 und 1780 wurde die einklassige Schule zu einer zweiklassigen erweitert und 1828 durch einen Zubau um ein merkliches vergrößert und zweckmäßiger gestaltet. Dass besonders ältere Menschen nicht selten des Schreibens noch unkundig waren, zeigt ein Kauf- und Übergabsvertrag vom 28. Juli 1945. Sowohl die übergebenden Eltern wie der für den minderjährigen Sohn und Erben aufgestellte Kurator sind noch „Kreuzelschreiber“.

Der junge Übernehmer leistete selbst seine Unterschrift. Noch immer also erfasste die Schule nicht alle Kinder, obwohl das erste grundlegende Schulgesetzt in Österreich, die Theresianische Schulreform von 1774, die allgemeine Schulpflicht festlegte. Das Reichvolksschulgesetz vom 14. Mai 1969 legte die allgemeine Schulpflicht endgültig und rechtswirksam fest und erweiterte die Lehrfächer durch Naturkunde, Zeichnen und Turnen. 1876 wurde eine dritte Klasse eingerichtet.

Das erste Schulhaus ist nicht bekannt. 1877 übersiedelte die Schule vom heutigen Karyhaus, Nr. 6, in das neuerrichtete Schulhaus auf dem Pfarrplatz. Die heutige Schule, mit deren Bau 1965 begonnen wurde, liegt am südlichen Ortsende, in gemessener Entfernung von der Straße. Sie verfügt im Süden und Westen über ausgedehnte Turnplätze.

Mit Beginn des Schuljahres 1968/69 wurde eine Hauptschule Wolfsbach errichtet.
An der alten Volksschule wirkten schon im vorigen Jahrhundert und noch viele Jahrzehnte danach zwei Lehrerpersönlichkeiten, die als Volksbildner im besten Sinne des Wortes eingeschätzt werden dürfen: Johann Puschl und Florian Schöberl. Sie machten sich besonders um die Pflege der Instrumentalmusik und des Gesangs verdient. Ihnen ist es zu danken, dass bis heute und mit größerem Erfolg diese beiden Künste gepflegt werden:

Es kam 1922 zur Gründung eines Salonorchesters des Männergesangsvereins mit ca. 16 Mann. Daraus entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg das „Wolfsbacher Streichorchester“ mit 35 Mitgliedern, das 1949 die „unvollendete“ von Schubert aufführte. Seit 1923 besteht der „männergesangsverein Wolfsbach“; der Kirchenchor führte Messen von Schubert und Haydn auf. Elisabeth Sturm, ausgebildet am Brucknerkonservatorium Linz, erbringt vorzügliche Leistungen bei Konzerten. Sie ist ebenso wie die „Wolfsbacher Geigenmusik“, 1970 gegründet, wiederholt im Rundfunk zu hören. Die Geigenmusik wirkte auch in dem Farbfernsehfilm mit „‘s Kind ist überall – ein weihnachtlicher Bilderbogen durch Österreich“. Er wurde am Heiligen Abend 1972 ausgestrahlt.

Das sind Leistungen, wie sie wohl selten eine ländliche Gemeinde dieser Größenordnung erzielt!

Postwesen
Schon früh besorgten pferdebespannte Postkurse und Menschen als Lastträger den kleinen Verkehr zwischen den Landorten. Als Annahme- und Abgabestellen der Güter dienten Gasthöfe. Ein Wolfsbacher, der Poststücke befördern lassen oder eine größere Reise antreten wollte, konnte dies von dem 10 km nördlich vom Ort gelegenen Markt Strengberg aus tun. Dort war schon 1689 ein Postgebäude errichtet worden, in dessen Stall 40 – 60 Pferde zum Wechseln bereitstanden.

Seit der Errichtung der Westbahn wurden nicht mehr Strengberg im Norden, sondern die Stationen und Haltestellen zwischen Stadt Haag im Westen und Aschbach im Osten für den Personen- und Güterverkehr benützt.

1867 wurde das Postamt Wolfsbach als Postexpedition mit Fahrpost begründet, 1883 wurden ein Postsparkassendienst und 1913 ein Telegraf und ein Telefon eingerichtet. Seit 1969 ist das Telefon durch die Automatisierung in den Selbstwählverkehr einbezogen.

Motorisierung

Die große Wende und den ungeheuren Fortschritt nicht nur im Personen- und Güterverkehr, sondern auch in der Landwirtschaft brachten der Explosions- und der Elektromotor.

In Wolfsbach waren 1938 fünf Autos angemeldet. Traktoren gab es überhaupt noch nicht. Nach dem Stillstand der Entwicklung während des Zweiten Weltkrieges stieg die Zahl der Motorfahrzeuge zuerst nur zögernd, dann aber sprunghaft an. Derzeit sind mehr als 350 Autos und mehr als 380 Traktoren zugelassen.
Die beiden Weltkriege und die Besatzungszeit:

Der erste Weltkrieg (1914-1918) brachte alle Leiden mit sich, die mit einem Völkerringen dieser Dimension verbunden sind. 47 Gefallene und 16 Vermisste waren zu beklagen. Wenn auch die vorwiegen bäuerliche Bevölkerung meines Heimatortes vor dem schlimmsten Hunger bewahrt blieb, war doch überall durch die Lieferpflicht bei Vieh und Getreide Schmalhans Küchenmeister, vor allem in den oft kinderreichen Familien der Kleinhäusler, Arbeiter und Angestellten. Eine große Anzahl russischer Kriegsgefangener sollten die Lücken füllen, die durch den Kriegsdienst der Männer entstanden waren. Die Qualität der Grundnahrungsmittel wurde immer schlechter, durch die Inflation der Nachkriegszeit stiegen die Preise ins Ungemessene. So stieg der Preis für ein Ei von früher 5 Heller auf 2000 – 3000 Kronen im Jahre 1922. Dem Mangel an Kleingeld suchte die Gemeinde durch Ausgabe von Notgeld zu begegnen. Das Wolfsbacher Notgeld – ein Gutschein im Wert von 10 Hellern – zeigt in schöner graphischer Ausführung das Relief des Ritters von Meilersdorf auf seinem Grabmal im linken Kirchenschiff.

Fleißige Sparer waren um ihre Ersparnisse gebracht worden, ein Verlust, der besonders die bäuerlichen Dienstboten hart traf.

Die politische Zerrissenheit und Unruhe zwischen den beiden Weltkriegen wurde auch in Wolfsbach spürbar. Am Ende stand der Zweite Weltkrieg (1939-1945), der die Schrecken des ersten bei weitem übertraf. An vielen Fronten erfüllten Wolfsbacher ihre harte Pflicht. Nach Jahren des Wartens, Hoffens und Bangens stand die traurige Bilanz fest: Wolfsbach musste 83 Gefallene und 38 Vermisste, insgesamt 121 Kriegsopfer, beklagen; das sind 58 mehr als im Ersten Weltkrieg.

Im Jahre 1966 wurde den Toten der beiden Weltkriege ein neues Denkmal errichtet, weil das alte aus dem Jahre 1921 zu einer Behinderung des Verkehrs auf dem Pfarrplatz geworden war. In der kleinen Eingangshalle vor dem Tor in die Kirche, „Bettellaube“ genannt, sind auf einer Wandtafel die Bilder der Gefallenen angebracht. Die Familie Fuchs hat 5 Söhne verloren.

Vor- und unmittelbar nach Kriegsende erlitten Menschen in Wolfsbach auf grausame Weise den Tod, z.B. durch Bombardierung von Eisenbahnzügen im Bahnhof St. Peter in der Au. Am Christtag 1944 fielen im Bereich von Bubendorf/Loosdorf eine große und zwei kleine Sprengbomben auf freies Feld, sie verursachten keine menschlichen Verluste. Der Gedenkstein eines Massengrabes auf dem Friedhof hält die traurige Tatsache fest, dass in den letzten Kriegstagen 14 Konzentrationslager-Häftlinge von den sie begleitenden SS-Wachmannschaften auf den Straßen von Wolfsbach ermordet wurden. Die Russeninvasion erfolgte am Fest Maria Himmelfahrt (10. Mai 1945). Sie kostete vier Menschen das Leben. Bis Ende Oktober waren 3000-5000 Russen hier stationiert.

Trotz der drückenden Last der Besatzung wurde bald nach Kriegsende der Aufbau einer Landwirtschaft begonnen, der eine rasche Anpassung an eine völlig neue Situation ermöglichte. Der Mangel an Arbeitskräften, verursacht durch die Abwanderung in die Industrie und andere Berufe, hatte eine immer rascher voranschreitende Mechanisierung und die Beschränkung auf einen oder zwei Erwerbszweige zur Folge: Es sind dies: Milchwirtschaft, Stiermast, Schweinemast und Hühnermast (ca. 30 Betriebe). Der Traktor verdrängte dabei das Pferd zu Gänze.

In Zusammenhang mit der tiefgreifenden wirtschaftlichen Umwidmung der Räume im Bauernhof erfolgten einschneidende Veränderungen in Haus, Stallungen und Hof, die letzten Strohdächer verschwanden. Bei der Durchführung der Neu-, Um- und Zubauten, bei der Ausstattung der Wohnräume, zumal der Stube, wurde in dem meisten Fällen trotz Zugeständnissen an das zeitbedingte Nützliche und Bequeme der aus der Überlieferung gewachsene gute Geschmack gewahrt.

Die Entwicklung der Gemeinde Wolfsbachbietet nach 1945 folgendes Bild:

Die seit Beginn der Industrialisierung im vorigen Jahrhundert fortschreitende Landflucht führte zu einer Schrumpfung der Bevölkerung in der ursprünglich rein agrarischen Gemeinde:
1837 zählte Wolfsbach 2030 Einwohner, 1884 waren es 1819, 1951 noch 1727, 1961 1757, 1971 nur mehr 1721. In den letzten Jahren schwankte die Zahl zwischen 1720 und 1730. Es trat also eine Stabilisierung ein. Von den 1434 Erwerbstätigen sind nur mehr 735 in der Landwirtschaft tätig. 689 üben ein ländliches Gewerbe aus, sind Arbeiter oder Angestellte in Betrieben benachbarter Gemeinden oder verrichten Dienstleistungen (Stand von Ende 1976). Diese nichtbäuerliche Bevölkerung hat seit Kriegsende ca. 70 Eigenheime errichtet.

Die Gemeinderatswahlen von 1945-1970 ergaben zwischen 17 bis 17 Mandate für die ÖVP und 1 Mandat für die SPÖ. Die letzte Wahl (1975) brachte 2 Mandate für die SPÖ. Die Statistik für Sterbefälle zeigt ein Schwanken zwischen einem Maximum von 30 Toten im Jahre 1967 und einem Minimum von 14 Toten im Jahre 1973. Die Geburtenziffer hat bedauerlicherweise eine fallende Tendenz. Von 53 Geburten im Jahre 1962 fiel die Zahl fast ständig auf 23 im Jahre 1976.

Um die Entwicklung von Wolfsbach in den letzten Jahrzehnten machten sich besonders drei Persönlichkeiten verdient, die im Jahre 1896 geboren wurden: Med. Rat Dr. Viktor Koref, der 35 Jahre (1926-1961) mit vorbildlicher Gewissenhaftigkeit, aufopferungsvoll und selbstlos die Kranken betreute. „Sein Leben war reich, weil es reich war an Liebe“. Geist. Rat F. Hugo Berndl, OSB. Versah fast 40 Jahre (1937 bis zu seinem Tod 1976) als Pfarrer von Wolfsbach sein Amt hingebungsvoll „in Demut, Friedfertigkeit und Geduld“ – ein treuer Diener seines Herrn. Bürgermeister Josef Sturm, Landwirt, stand ein Vierteljahrhundert (1945-1970) in schwierigster Zeit (zeitweise 5000 Mann Besatzungstruppen) der Gemeinde vor. Ein Mann, der klugen Überlegung und des Ausgleichs, aber tatkräftig zugleich, hat er auch in schwierigster Situation Rat gewusst und Hilfe zu geben verstanden.

Die beiden tüchtigen Feuerwehren, Wolfsbach (gegründet 1897) und Meilersdorf (gegründet 1912), zählen 150 Wehrmänner. Anerkennenswert sind auch alle Aktivitäten im religiösen und sozialen Bereich, deren Initiatoren der Pfarrkirchenrat und das Katholische Bildungswerk sind. Den Geist echter Kameradschaft pflegen der Kameradschaftsabend und der Kriegsopferverband.

Seinen bisherigen Abschluss fand das Aufbauwerk dieser schlichten Landgemeinde durch die Verleihung eines eigenen Wappens, die der Herr Landeshauptmann Andreas Maurer in einer Festfeier am 10. April 1973 vollzog.


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