Mittwoch, 15. August 2012

Das Stift Ardagger

Nr. 172 - 1. August 1986 -15. Jahrgang

Das Stift Ardagger
(von Karl Kneissl)

Viele Menschen kommen nach Stift Ardagger, um sich an der Schönheit dieses Gotteshauses zu erfreuen. Wunderbar fließen die verschiedenen Baustile ineinander. Wirkt im Romanischen der Stein schwer lasttragend, so zwingt die Gotik den Blick empor. Im Barock wird hier das katholische Prinzip voll erreicht, das Sinnliche als Wegweiser zum Übersinnlichen zu nutzen.

In Stift Ardagger war nie eine Ordensgemeinschaft, vom Propst und seinen Chor­herren wurden aber bis zu 16 Pfarren betreut. Am 31. Oktober 1784 wurde die Propstei Ardagger aufgelöst, es wird nur mehr der Propsttitel verliehen.

Im Jahre 1049 wurde das Gut Ardagger von Kaiser Heinrich III. an Bischof Nitker von Freising mit dem Auftrag übergeben, hier eine geistliche Gemeinschaft zu Ehren der hl. Margareta einzuführen. Das Gebiet umfasste die heutigen Pfarren Kollmitzberg, Markt und Stift Ardagger. Am 4. September 1063 wurde die neue Stiftskirche ein­geweiht. Die mächtigsten Männer Deutschlands waren dabei zugegen, um den Auftrag
des im Jahre 1056 verstorbenen Kaisers zu erfüllen.

Propst Heinrich I. (1225-1236) baute eine neue, größere Kirche, die in ihren Grundmauern bis heute noch steht. Im Glasfenster hinter dem Hochaltar mit der Dar­stellung des Lebens der hl. Margareta, hat er sich mit dem ältest erhaltenen Figuralfenster dieser Art in Österreich ein bleibendes Denkmal gesetzt. Das Fenster wird von unten nach oben gelesen und erzählt in 14 Medaillons die Lebensgeschichte der hl. Margareta. Lateinische Umschreibungen ergänzen die durch Bleiruten zu­sammengehaltene musivische, mosaikartig hergestellte Glasmalerei. Das 4,60 m hohe und 1 m breite Fenster ist mit Palmettenblättern gerändert. Auf der Innenseite sind farbige Steineinsätze und im Mittelstück Schneckenornamente aus Schwarzlot, einer Schmelzfarbe aus Glasstaub mit Kupferoxyd. Dieses so hochwertvolle Fenster wollte man zum Schutz im letzten Krieg wegbringen lassen (Berlin). Es wurde aber dann von 1943 - 1949 durch eine Mauer innen und außen geschützt. Aus derselben Zeit wie das Fenster sind noch der Südeingang mit seinen romanischen Bogenläufen und die Unterkirche, eine Hallenkrypta. Sie ist durch je 7 Säulen dreigeteilt und hat ein Kreuzgratgewölbe. Die vorderen zwei Säulen sind aus kristallinem Stein vom Waldviertel. In der Apsis stand früher ein Reliquienschrein, der 1883 durch einen Marienaltar ersetzt wurde.

Am 30. September 1529 wurde die Stiftskirche durch die Türken geplündert und dann in Brand gesetzt. Die Kirche lag dann an die 40 Jahre in Trümmern, wozu die protestantischen Wirren viel beitrugen. Erst der von Kaiser Maximilian II. im Jahre 1567 ernannte Propst Oswald Grübler aus Geppingen in Württemberg begann mit dem Wiederaufbau.

Das wiederhergestellte Gotteshaus wurde in der Barockzeit herrlich geschmückt. Die Stuckierung der Wände und Gewölbe sowie die 4 Evangelisten und die Voll­plastiken der Engel sind ein Werk von Giovanni Colomba aus dem Jahre 1678. Stuck ist eine Mischung von Sand, Kalk und Gips, wird in heißem Leimwasser angerührt, mit einer Art Hobel aufgedrückt und dann fein ausgearbeitet. Bei einer solchen Arbeit holte sich dieser große Stuckkünstler die Lungenentzündung und liegt in Warschau bei der Kirche und Arbeitsstelle begraben.

Johann Däläro aus Bologna in Italien schuf zwischen 1690 und 1700 die Fresken und bemalte zum Teil auch den Stuck. Das Renaissance-Chorgestühl aus dem Jahre 1627 ist besonders wertvoll. Flechtwerk (=ornamentales Bandgeflecht), Tierfratzen, kannelierte (mit Senkrecht-rillen versehene) Säulchen, Gesprenge (=hoch "springende" Bekrönung), Obeliske und gesprengte Giebel (= oben offene Giebel) künden den Sieg der Kirche über den damaligen Zeitgeist. Nur die Zahl der Sitze mit neun kündet noch die Abneigung gegen das Papsttum aus der Frühzeit der Renaissance. Drei heidnische, jüdische und christliche Helden wurden ja dem Papst entgegen gestellt (Hektor, Alexander der Große, Cäsar; Josua, David, Judas d. Makkabäer; Clodwig, Gottfried von Bouillon, Karl d.Gr., später ersetzt durch Artus). Auch die großen Seitengemälde gehören dieser Zeit an.

In der Sakristei steht eine Plastik der Krönung Marias aus der Zeit nach dem Sieg über die Türken 1683; es gibt auch verschiedene Propstbilder und eine Gruft (um 1630).

Die Orgel stammt vom bekannten Orgelbauer Johann Georg Freundt aus Passau, aus dem Jahre 1620, die dann vom Orgelbauer Philipp Dorninger aus Aschbach um 1770 erweitert wurde. In dieser Zeit wurde die Orgel auch rokokomäßig geschmückt.

In der Apsis des rechten Seitenschiffes steht der, von einer Bruderschaft ge­stiftete, Vierzehn-Nothelferaltar aus dem Jahre 1778; rückwärts befindet sich ein Totenschild mit Wappentieren und einem Bild von Ulrich Zürker, der hier 20 Jahre Propst war und in Augsburg begraben liegt.

Im linken Seitenschiff wurde 1914 der Sakramentsaltar abgetragen und durch eine Lourdesgrotte ersetzt.

An die Nordseite der Stiftskirche wurde im 14. Jh. ein Kreuzgang angebaut. Interessant die gespitzten Strebepfeiler und der gespitzte Vierpass (Verzierung mit 4 Bögen). Das Kreuzrippengewölbe mit Kehlstab, also konkav geformt, ruht auf verschiedentlich gestalteten Konsolen (aus der Mauer herausragenden Steinen). Auch die Schlusssteine in den Rippenkreuzungen sind abwechslungsreich gearbeitet. Die im Jahre 1954 freigelegten Wandfresken aus der Zeit um 1400 zeigen die ver­botene Darstellung der hl. Dreifaltigkeit in Personen sowie Weichnachts- und Auferstehungsszenen.

Vom Kreuzgang führt eine Tür in das angebaute Schloss. Im Unterbau des Schlosses findet man noch alte Tonnengewölbe. Probst Stredele hat um 1620 das frühere Gebäude um ein Stockwerk erhöht. Die gebrochenen Giebel (mit Ecken versehen) über den Fenstern, das Portal, der Laubengang des Osttraktes und der Stiegenaufgang weisen in diese Zeit. Bei den Arbeiten zur Restaurierung des Schlosses wurde im Hof eine Sonnenuhr aus dem 16. Jahrhundert entdeckt. Sie ist mit astronomischen Zeichen versehen und hat Seltenheitswert.

Am Ausgang des Schlosshofes zur englischen Gartenanlage stehen zwei schöne Obelisken und die von der russischen Besatzungsmacht durch Schüsse beschädigten Statuen: "Frühling, Sommer, Herbst und Winter!"

Alt ist auch die Anlage der Stiftsgärtnerei. Sogar Torf wurde in "Kloster", wie es im Volksmund früher hieß, gestochen. Den Aufgang zur Stiftskirche schmückt eine Nepomukstatue. An der Friedhofsmauer sieht man noch Schießscharten der Wehrkirche. Der um 1730 erbaute Zehentkasten gegenüber der Kirche dient nun verschiedenen Zwecken. Einige Jahre war auch das Wehrmachtsmuseum hier unter­gebracht. Die Lindenkapelle am Fuße des Stifterberges erinnert an die Sage, dass hier Kaiserin Agnes in einer Notgeburt Itha, die spätere Mutter Leopold des Heiligen, geboren haben soll.


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