Mittwoch, 15. August 2012

Auf den Spuren des Mostes im Bezirk Amstetten

Heimatkundliche Beilage zum Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Amstetten
Nr. 300 – 1. Oktober 1995 – 21. Jahrgang

Auf den Spuren des Mostes im Bezirk Amstetten

(verfasst von Mag. Dr. Heimo Cerny)

Die Bezeichnung Mostviertel ist wieder eine amtliche noch eine kartographische Definition. Es handelt sich vielmehr um einen volkstümlichen Begriff, der aus dem untrüglichen Instinkt der heimischen Bevölkerung für das traditionell Gewachsene entstanden ist. Exakte geographische Grenzen abzustecken fällt sehr schwer – heute pflegt man das gesamte Viertel ober dem Wienerwald pauschal als "das Mostviertel" zu bezeichnen. Das freilich nicht ganz stimmt, aber jedenfalls dem Most zur Ehre gereicht!

Das Kerngebiet des Mostviertel liegt aber unbestritten im Bezirk Amstetten. Diese Tatsachen konzedieren und sogar die Oberösterreicher – und das will was heißen! – Denn auch sie haben einen erklecklichen Anteil am Mostbirnland. Immerhin schreibt der Linzer Universitätsprofessor Dr. Franz Lipp in seiner Studie "Most und Mostwirtschaft in Oberösterreich in Vergangenheit und Gegenwart" (1968) folgenden Satz: "Die Bezeichnung Mostviertel für den Bezirk Amstetten ist daher wirklich nicht unbegründet." (Mit dieser Aussage kommentiert er den Vergleich der Obstbaumstatistik 1938: die Bezirk Amstetten hatte damals 485.000 Birnbäume, das ist mehr als das Doppelte des stärksten oberösterreichischen Bezirks Grieskirchen mit 246.500).

Aufgrund der Kenntnisse der genetischen Pflanzengeographie gilt der Raum zwischen Traisen und dem oberösterreichischen Hausruck als der Entstehungsmittelpunkt unserer heutigen Mostbirnsorten der Bezirk Amstetten liegt genau in der Mitte dieses Bereiches, im größten geschlossenen Most Birnbaumgebiet Europa! Die Wildbirne ist Ende der Eiszeit aus dem Karpatenraum kommend bei uns eingewandert und war wesentlicher Bestandteil jenes ursprünglichen Eichen-Hainbuche-Mischwaldes, der seit der Jungsteinzeit bis zur Phase der Urbarmachung im Voralpengebiet dominierte.
Noch vor 1000 Jahren war unser heutiges Bezirksgebiet von einem Teil dieses Urwaldes bedeckt, vom so genannten Ennswald, der sich von der Enns bis über die Strengberge herunter ins Ybbsfeld erstreckt hat. Der heute noch übliche Flurname "Endholz" ist ein sprachliches Relikt aus dieser Zeit (= Ennsholz = Wald).

Übrigens könnten viele alte Orts-, Hof-und Flurnamen des Mostviertel von einer früh vorhandenen Obstpflege und naturgemäß damit verbundenen Mostkelterei:
Baumgarten, Baumgarthof, Baumgartlehen, Bierbaumer, Bierbaumdorf,Biramühle, Holzapfelberg, Weinapfellehen, Möstlbauer, Möstlhub, Möstlöd etc.

Interessant ist die Beobachtung, dass Ortsnamen und Flurbezeichnungen, die mit der Birne zusammenhängen, die weitaus ältesten sind (ab 12. Jahrhundert) – der Apfel findet erst ab dem 15. Jahrhundert seinen Niederschlag: Primat der Birne für unsere Region lässt sich auch aus der Ortsnamenkunde ableiten!

Es gab im 12. Jahrhundert im Umfeld des Stiftes Seitenstetten sogar eine adelige Familie, die sich "von Bierbaum" nannte und somit den Birnbaum im Wappen trug! Für so edel erachtete man also damals den Birnbaum! Der Birnbaum – ein Baum von Adel!

Er hatte alle Vorzüge, die man sich von einem edlen Geschlecht erwartet: Kraftvoll verwurzelt im Boden, von alles überragender Größe, von enormer Fruchtbarkeit und Langlebigkeit. All diese Vorzüge hatten natürlich programmatischen Charakter für eine adelige Familie. Wie sinnvoll, sich den Birnbaum zum Wappenzeichen zu wählen!

Die gern gestellte und zugleich naive Frage, wer denn wann erstmals Most hergestellt habe, lässt sich natürlich in dieser Form nicht beantworten freilich wäre es uns Mostviertel unwillkommen, den "Erfinder" des Mostes – exakt mit Namen und Daten versehen – präsentieren zu können! Er würde sicherlich bald heiliggesprochen und zum zwei Landespatron erhoben werden.

Vielfach wird behauptet, die Kelten seien die ersten gewesen, die sich aufs Mostmachen verstanden hätten. Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Verwendbarkeit des Obstes zur Bereitung alkoholische Getränke sehr alt ist und ab einer gewissen Kulturstufe (in allen bäuerlichen Kulturen spätestens) vielen Völkern, und zwar völlig unabhängig voneinander, bekannt war. Gärungsalkohol ist eine Art ethnologisches Universale – und vermutlich war auch schon unserem Ötzi (dem Mann vom Similaun-Gletscher) bekannt!

Die oft zu hörende Ansicht, die Mosterzeugung sei erst durch die Römer bei uns eingeführt worden, ist irrig. Most gab es längst zuvor auch nördlich der Alpen. Die Germanen hatten für ihren Obstwein ein eigenes Wort zur Verfügung: lit. Diese Silbe hat sich im bayerisch-österreichischen Raum in Zusammensetzungen wie Leitgeb (für Wirt) und Leithaus (für Wirtshaus) bis ins 19. Jahrhundert erhalten. Unter „leitgeben“ verstand man im Mittelalter das Ausschenken alkoholischer Getränke.

Ab dem 12. Jahrhundert ist im süddeutschen Raum vornehmlich der aus Birnen gekelterte Trank als Most bezeichnet worden. Most = lateinisch mustum (Lehnwort), d.h. frisch, jung. Birnenmost ist also sprachgeschichtlich belegbar der Most schlechthin!
Man unterschied fortan beim Obstwein immer genau zwischen dem leichteren und weniger haltbaren „birenmost“ und dem längeren lagerfähigen „äpfeltranc“! Erst im Lauf der Zeit hat sich die Bezeichnung "Most" für Obstwein beider Gattungen eingebürgert!

"Wo es viel fällt Obst geibet/ wie im Virtel ob Wienerwald und im Land ob der Ennß/ … da befleißen sich die Bauern sehr auf Äpfel und Birnen/ und presset mancher über hundert Eimer/ davon er nicht allein mit den Seinigen eine Labung/ sondern auch/ wann ers verkauffet/ ein gut Stuck Geld zusammen bringen kann/ weil dergleichen Preßobst an Orten/ da wenig oder doch schlechter Wein wächset/ eine gute Anwährung hat.“ – Diese Ausführungen beziehen sich auf die Mitte des 17. Jahrhunderts – und wir erfahren somit, dass schon zu dieser Zeit das Mostmachen für einen tüchtigen Bauern ein gutes Geschäft gewesen ist!
An einer anderen Stelle meint Hohberg: "Der Birnenmost wird für mindere und beständiger gehalten/als der von den Äpfeln kommt; dazu mag man das rechte wilde Holzobst gebrauchen/und sind viele der Meinung/dass der vom Gartenobst gepresste Most nicht zu langwürdig sei.…" (= Primat der Birne!)

Der Physiokratismus des 18. Jahrhunderts brachte in seinem Bestreben, die Landwirtschaft staatlich zu fördern, auch dem Mostobstbau weiteren Aufschwung: 1763 wurde die Anpflanzung von Streuobstbäumen entlang aller Landes- und Bezirkstraßen gesetzlich verordnet, wodurch die Quantität der Mostmengen eine gehörige Steigerung erfuhr.
Was allerdings die Qualität der Möste betrifft, so war dies immer von unterschiedlichem Niveau, und so darf es nicht verwundern, wenn beispielsweise im Jahr 1729 eine Schilderung der Möste des Machlandes geklagt wird, dass diese /Zitat/ "also beschaffen seyndt, daß sye die Mäuler zusamben ziehn, als ob man den grimmigen Todt pfaiffen wollte". Bärlein Erfahrungen mögen wohl dazu beigetragen haben, den Most auch als "Landessäure" zu bezeichnen!

Den absoluten Höhepunkt erlebte die Mostkultur zweifellos im 19. Jahrhundert – man kann es als das Jahrhundert des Mostes bezeichnen. In großen Bauernwirtschaften wurden 600-1000 Eimer, ja sogar 2000 Eimer Most gepresst. Der volle Mostkeller war die beste Sparbüchse des Landwirts. Die meisten Vierkanthöfe des Mostviertels erhielten damals durch Aufstockung ihrer stolzen Dimensionen. Die Erinnerung an diese Mostviertel war "Gründerzeit" ist in der bisweilen noch zu hörenden Redensart "Diese Häuser hat der Most gebaut" lebendig geblieben.
In einem zeitgenössischen Bericht über die Obstkultur im Raume Haag-Strengberg aus dem Jahr 1857 (Festschrift der Landwirtschaftsgesellschaft) kann man lesen:" Obstbau ist in hiesiger Gegend die Quelle des Wohlstandes geworden. Der Wert der Realitäten wird darum mehrenteils durch die Menge der gepflanzten Bäume, deren Gattungen und Tragbarkeit mitbestimmt. Es bestehen zwar nur wenige kleine Gärten bei den Häusern, aber alle Raine zwischen Gründen, wie alle dazu geeignet sonstigen Plätze sind mit Obstbäumen besetzt, so dass die ganze Gegend das Aussehen eines großen weitreichenden Gartens gewinnt. Das Erzeugnis, Äpfel, Birnen, dann Zwetschken, wird ausschließlich zur Erzeugung des Obstweines und Branntweines benutzt; es gibt viele Besitzer, die in guten Jahren 1000 und mehr immer Obst Most gewinnen".

Einen Lobgesang auf die rechte Mostproduktion finden wir auch in Anton Schwetters "Heimatkunde des Bezirks Amstetten" aus dem Jahr 1884:

Der vergorene Birnen-und Apfelsaft hat auch in der Dichtung des Mittelalters seine Spuren hinterlassen. Der Minnesänger Neidhart von Reuenthal, der bei den Bauern des Mostviertels häufig zu Gast war, bekennt in einem seiner Lieder, dass ihm ein Krug Birnenmost aus den Händen seiner angebeteten die trockene Kehle wieder zum Klingen brachte:

„Do bat mich diu vil minnecliche singen
den minen sang:
Si schankt mir mit dem kruoge
daz mir diu kel
wider wurde heiter unde hel.
Ir birenmost den tranc ich also swinde:
des was si fro“.

Mit diesen um 1240 entstandenen Versen wurde unserem heimischen Birnenmost nicht nur ein köstliches literarisches Denkmal gesetzt, die sich zugleich die früheste schriftliche Erwähnung dieses Getränks in Mitteleuropa. Ein Menschenalter später besingt der Niederösterreicher Peter Suchenwirt in einem satirischen Lobgedicht, wie "ein chrug äphltranc“ den in Ohnmacht gefallenen Ritter Gunolf Lappen von Ernwicht wieder auf die Beine verhilft.
Trotz mehrfacher Erwähnung in literarischen Quellen muss angenommen werden, dass Most im mittelalterlichen Niederösterreich nur in geringen Mengen produziert wurde. Weitaus größere Aufmerksamkeit hat man – auch im Gebiet des heutigen Mostviertels – dem Weinbau entgegengebracht. Pragmatiker werden allerdings von der Devise ausgegangen sein: lieber ein guter Most als ein schlechter Wein

Am Ende des 16. Jahrhunderts wird der erste Mostexperte unserer Region greifbar: es ist ein adeliger, Philipp Jakob von Grünthal, Inhaber der Herrschaft Zeillern stammte aus Oberösterreich, wo er in der Gegend um Kremsmünster begütert war. In zweiter Ehe war er vermählt mit einer Mostviertlerin, Margaretha Seemann von Mangern auf Schloss  St. Peter in der Au. In der Pfarrkirche von St. Peter liegt er auch begraben – mitten im Mostviertel – sein künstlerisch wertvolles Epitaph ist noch vorhanden. Dieser Herr von Grünthal hinterließ seinen Söhnen ein handschriftliches "Haushaltungsbüchel für junge Eheleute", in welchem er auch auf die Mostbereitung zu sprechen kommt darin heißt es unter anderem:
"Von den wilden Leibs-Birn auch von Holtz- und andern Piernen so spatt zeittig werden, also von wilden und spatten Öpffeln wirdt der böste Most, und je spatter der Most gepreßt wirdt, je schöner und beständiger wirdt derselbe. Der von frühen Obst taugt nit.“ (Eine Erkenntnis aus dem 16. Jahrhundert!)

Aufgrund urkundlicher Belege wissen wir auch, dass in der Schlosstaverne von Zeillern neben Wein und Bier ausdrücklich auch "Birnenmost" ausgeschenkt wurde! (1633, 1660).

Der bedeutendste Pionier der Mostviertler Obstkultur und zugleich der erste österreichische Pomologe war der protestantischen Landedelmann Wolf Helmhard von Hohberg, der als angesehener Schriftsteller auf den Gütern Rohrbach und Klingenbrunn bei Haag ansässig war, (1650-1664). Mitte 17. Jahrhundert.
Hier – im Herzen des Mostviertels – schrieb er sein berühmtes landwirtschaftliches Lehrbuch "Georgica curiosa oder Adeliges Land- und Feldleben“ (Nü 1682).
Darin ist der Mostbereitung ein ausführliches und kenntnisreiches Kapitel gewidmet, woraus ich ein paar Zeilen zitieren möchte: Da der Most stets das billigste Getränk war, erfreute er sich in wirtschaftlich schlechten Zeiten besonderen Zuspruchs. So war auch der meiste Mostkonsum dieses Jahrhunderts in den zwanziger bis dreißiger Jahren zu verzeichnen. In dieser Zeit wurden auch noch zahlreiche mächtige Balkenpressen gezimmert mit neugotischem Zierrat versehen. In den vielen Jahren der Arbeitslosigkeit trank man im Gasthaus statt Bier täglich "ein Seidl Most, daß net vü kost!" (Ein Spruch, den der Kollmitzberger Kirchenwirt noch in Erinnerung hat).

Auch in den unmittelbaren Nachkriegsjahren florierte das Mostgeschäft, aber mit Beginn der sechziger Jahre kam der große Umschwung. Der Most erwies sich nicht als Wohlstands gedrängt, dass gesunde Naturprodukt wurde durch Bier, billigen Wein, Limonaden, Coca-Cola und Mineralwasser nahezu völlig verdrängt bedauerlicherweise regiert die Landwirtschaft mit großflächigen Rodeaktionen, denen teilweise bis zu 80 % der altehrwürdigen Baumpatriarchen zum Opfer fielen. Wem wäre es da in den Sinn gekommen, im Birnbaum einen Adeligen zu sehen?
All diesen zeitbedingten Fehlentwicklungen zum Trotz hat auch in diesen Jahrzehnten der Abwertung des einstmals beliebtesten Bezirksgetränks ein Mann wie Ing. Janovski die Fahne des Mostes/bzw. das Wappen des Birnbaum hochgehalten und in unzähligen Mostkursen der jüngeren Generation eine solide Kellertechnik vermittelt.

Gottlob hat in den letzten Jahren eine deutliche Trendumkehr Platz gegriffen: das Naturgetränk Most findet aufgrund steigender Umweltsensibilität allmählich wieder mehr Liebhaber – unter der Devise "Mosttrinker sind Umweltschützer".
Das Selbstverständnis des Mostviertels ist wieder im Steigen begriffen, und eine neue Art der Most Kultur scheint sich zu etablieren. Klare Signale in diese Richtung wurden besonders in den letzten Jahren gesetzt.

Diese im Interesse der Erhaltung der Mostviertler-Kulturlandschaft fortzusetzen, soll bemühen für die Zukunft sein.

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