Freitag, 23. Dezember 2011

Die Gemeinde Ferschnitz

Nr. 64 - 1. August 1977 - 6. Jahrgang

DIE GEMEINDE FERSCHNITZ
Lage, Geschichte
von Gottfried Langeder

Am Ostrand unseres Bezirkes liegt in 285 m Seehöhe die Marktgemeinde Ferschnitz mit ihren 1230 Einwohnern. Der Ferschnitzbach und der Ybbsfluss bilden eine abwechslungsreiche mit Hügeln, Wäldern und Auen durchzogene Landschaft.

Der Markt Ferschnitz mit der Pfarrkirche liegt mitten im Gemeindegebiet. Hier teilen sich die Straßen. Die eine führt nach Freidegg, wo einst auf der Anhöhe das herrschaftliche Schloss stand; die andere über die neuerbaute Günzinger Ybbsbrücke aus dem Gemeindegebiet hinaus, während es südlich zum Schlosse Senftenegg geht. Hier trifft man auf den Ferschnitzbach, welcher schon im Jahre 1034 in einer Urkunde Pheznica genannt wird. Er bildet die Ostgrenze des freisingischen Gebietes gegen die regensburgischen Besitzungen in Steinakirchen am Forst. Der Name ist slawischen Ursprungs und bedeutet die Rasende oder auch Birkenbach.

Der Ort Ferschnitz übernahm den Namen des Baches und dürfte im 12. Jhdt. entstanden sein. Die erste urkundliche Erwähnung fällt 1345 in einem Kaufvertrag, in dem Friedrich der Haeusler beurkundet, dass er alles, was er von Niklas von Polan gekauft habe, die Lehenschaft an der Kirche zu "Versnitz", den Hof bei der Kirche usw., an Pilgrim von Tannberg weiterverkauft habe. Einige Jahre später kaufte dieses Kirchenlehen, heute Gemeinde Schönbichl, Heinrich von Zelking, welcher schon seit 1334 Besitzer von Freidegg war und 1352 der Kirche die ersten Schenkungen machte. Die Tochter eines Otto von Zelking, Beatrix, hat die Kirche umgebaut und 1441 einen Hochaltar gestiftet. In erster Ehe war sie mit Hans von Streun zu Schwarzenau verheiratet. Wohl im Laufe des 15. Jhdt. wurden die Streun Alleinbesitzer auf Freidegg.

1574 erhielt der berühmte Reichard Streun von Schwarzenau Freidegg, ein Gelehrter, Politiker und Vorkämpfer des Protestantismus. Er erwarb noch Schloss Ernegg, Schönegg, Edelbach u.v.m. Freidegg wurde Reicharts von Streun Lieblingssitz. Er baute ihn fast vom Grunde auf neu.
Wie Freidegg wohl ausgesehen haben mag, zeigt uns etwas später Matthäus Vischer in seinem Kupferstich, auch rühmen Dichter der damaligen Zeit diesen Prachtbau. Es soll eines der schönsten Renaissanceschlösser gewesen sein, mit 5 Gebäuden, 6 Türmen und einem herrlichen Garten. Sogar die Schallaburg soll es an Größe überragt haben.

Ausgebaut hat Streun auch die Pfarrkirche zu Ferschnitz. Sie zeigt die letzte Stufe der ausklingenden Gotik zur Renaissance, mit dem klassischen Stil des Eingangs, dem wunderbaren Sakristeiportal und den Grabmälern der Familie Streun.

Großen Aufschwung erlebte Freidegg und Ferschnitz durch die Geselligkeit auf dem Schlosse. Berühmte Persönlichkeiten waren hier Gäste. Ein Unglück ereignete sich, als Streun prunkvoll mit seiner zweiten Frau Hochzeit feierte und 100 adelige Gäste geladen hatte. Der Saal stürzte mitsamt der Hochzeitsgesellschaft in die Tiefe. Es gab Verletzte und einen Toten.

Der Marktbrief von 1589 zeigt, wie Streun auch für seine Bürger und Untertanen gesorgt hat.

Streun war ein milder und gütiger Gutsherr. Zahlreiche Briefe seiner Untertanen bezeugen dies, besonders in Sachen der Gerichtsbarkeit. Dennoch gab es während des Bauernkrieges 1596/1597 in Ferschnitz einen kleinen Bauernaufstand, nicht wegen Streun, sondern wegen seines Predigers, der drei Sonntage von der Kanzel gegen die Bauern schimpfte: Sie seien nicht wert, dass sie das Erdreich trage! Daraufhin kamen an die 1000 Bauern mit dem Schulmeister Steinhauer aus Neuhofen, plünderten den Pfarrhof und zogen gegen Freidegg, wo sich der Pfarrer versteckt hattet Dort riefen die Bauern: "Wir wollen den Pfarrer aufhängen, dass ihn auch nicht die Erde tragen müsse"! 1600 starb Streun in Freidegg.

Sein Schwager, Erasmus von Tschernembl, verwaltete die Güter von Freidegg für seine Schwester bis zu deren Tode im Jahre 1617. Der Besitz wurde an die Zinzendorfer verkauft. Die Besitzer wechselten dann dauernd, bis 1678 die Herrschaft an die Starhemberg kam, die sie bis 1937 innehatten. Die Türken haben das Schloss arg zerstört, und heute stehen nur mehr ein Torturm und das Wirtschaftsgebäude.

Bis etwa 1630 wurden in der Kirche zu Ferschnitz protestantische Gottesdienste abgehalten. Streun dürfte beim Ausbau der Kirche Geld von den protestantischen Ständen bekommen haben. So ist es erklärlich, dass die Kirche in Ferschnitz noch lange Zufluchtsstätte für Gottesdienste der Protestanten war.

In der Gegenreformation bekam sie eine barocke Ausstattung und wurde umgebaut. Die Krönung dieser Neugestaltung dürfte das mit der Jahreszahl 1770 datierte Altarbild des Kremser Schmidt sein. Eine Sehenswürdigkeit ist auch die vor dem Pfarrhofe stehende Immakulatasäule aus der Zeit um 1710.

In den Franzosenkriegen, zu den Weihnachtsfeiertagen des Jahres 1800, quartierte sich der Feind mit etwa 6000 Mann in Ferschnitz ein. Ringsum brannten seine Lagerfeuer. 1848 gab es anfangs Unruhen. 2 Jahre später erhielt Ferschnitz seinen ersten Bürgermeister, dessen Angelobung mit sämtlichen Gemeinderäten in der Pfarrkirche stattfand. Im vorigen Jahrhundert erhielt Ferschnitz die schönste Volksschule im ganzen Umkreis. Diese löste die weit in die Reformationszeit zurückreichende Schule bei der Kirche ab. Unter Maria Theresia war diese als Musterschule genannt.

Die Filialkirche, die Martinskirche in Innerochsenbach, war früher im Pfarrgebiet von Steinakirchen am Forst und kam 1757, wie auch einige andere Orte auf der anderen Seite des Ferschnitzbaches, zum Gemeindegebiet. Berühmt sind in dieser Kirche die beiden Chorfenster, mit gotischen Glasmalereien, die durch das Puechhaimer und Zelkinger Wappen auf die Stifterin Elisabeth von Zelking, verehelichte Puechhaim, +1394 (Grabplatte in der Pfarrkirche Steinakirchen) und somit auf eine Datierung in das 1. Viertel des 15. Jahrhunderts hinweisen. Die gotischen Schreinaltäre und weiters noch die frühbarocke Einrichtung machen dieses Kirchlein zu einem Juwel.

Berühmt ist die Bibliothek im Schloss von Senftenegg, mit der sich Karl Friedrich von Frank in der Fachwelt als Ahnenforscher große Verdienste erworben hat.

Die Gemeinde hat auf ihrer etwa 15 Quadratkilometer großen Fläche ländliche Struktur, aber auch einige kleine leistungsfähige Betriebe. Die nahegelegene Stadt Amstetten nimmt zahlreiche Pendler auf.

Der Fremdenverkehr dürfte in diesem Gebiet noch große Zukunft haben.


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